Dagegen ist das iPad „Pipifax“

24.02.2011 20:34:00 (Kommentare: 0)

iPad für unterwegs - nur was passiert da gerade in unseren Wohnzimmern?

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SAMSUNG Promotion Video zu: Internet @ TV

Vor lauter iPad und Social Media Euphorie vergessen wir eine Entwicklung zu beobachten, die rascher voranschreitet als man vermuten würde und wahrscheinlich größere Auswirkungen auf unseren Medienkonsum hat, als es iPad-Apps wohl je haben können. In unseren Wohnzimmern haben die Fernsehsender und Programme bereits ernsthafte Konkurrenz bekommen - Internet @ TV!

 
Wer Kinder im Alter von 12 bis 17 Jahren hat, kennt bereits ein seltsames Nutzungsverhalten: Der TV Schirm im Wohnzimmer wird „zweckentfremdet“. Gemeinsam wird YouTube geschaut.
 
Welche Tatsachen sind bekannt?
  1. Sämtliche Spielekonsolen der letzten Generation sind bereits web-fähig, ans Netz angeschlossen und werden nicht nur zum Spielen, sondern auch als Web-Station genutzt. Das heisst: über den integrierten Web-Browser werden vornehmlich Videoinhalte auf dem TV-Schirm konsumiert.

  2. Von allen in Österreich, Deutschland und in der Schweiz im Jahr verkauften neuen TV Geräten (Flatscreens) waren 20% internettauglich. Das bedeutet, es handelt sich um Geräte mit integrierten Webanwendungen. Klingt komplizierter als es ist, denn diese Geräte, respektive deren Menüoberflächen bedienen sich wie ein iPod, iPhone oder Android basierendes Smartphone mittels Apps.

  3. TV-Sender im deutschsprachigen Raum haben ihre „Markenbindung“ aufgegeben. Dies bedeutet, während vor gut zehn Jahren (und mehr) z.B. Pro7 als Spielfilmsender positioniert war und z.B. Sat.1 als Seriensender, sind diese Unterscheidungsmerkmale durch den massiven Ankauf von US-Serien und das Abspielen von „Blockbustern“ nahezu nicht mehr zu unterscheiden. Wer weiß denn heute noch, auf welchem Sender er gestern was gesehen hat?

  4. Die Programm-Krise: Bei zu meist bereits bald über 300 TV-Kanälen in den Haushalten fällt die Programmauswahl (am auffälligsten in der Primetime) schwer. Leider jedoch nicht ob des vielfältigen Angebotes, vielmehr jedoch wegen der Tatsache, dass man heute die gleichen Serien zu unterschiedlichen Zeiten auf gut allen Sendern gleichermaßen angeboten bekommt. Eigenproduktionen als Programmanteil sind massiv reduziert worden.

  5. Dies wiederum führte zu einem veränderten TV-Konsumverhalten. Während man früher RTL, Pro7, Sat.1, ZDF, ORF & Co einschaltete, sucht man heute (entweder durch „Zappen“ oder mittels des EPG - Electronic Program Guide - wenn man überhaupt noch „sucht“ - nach entweder C.S.I. New York (Miami, Las Vegas), Criminal Intent, Desperate Housewives, Criminal Minds, Numbers, Navi C.S.I., Bauer sucht Frau, Frauentausch, Promi Dinner, Tatort, Lanz kocht, Franz kocht und Sepp kocht, oder wie die jeweilige gewünschte Serie auch immer heißen mag, egal auf welchem Sender sie gespielt wird, den man heute schon gar nicht mehr wahrnimmt. Lediglich die Differenzierung zwischen öffentlich rechtlichen und privaten wird vielleicht noch aktiv getroffen, um den permanenten und viel zu langen Werbeunterbrechungen zu entgehen.

 
Interaktion im Wohnzimmer ist also vom Konsumenten schon längst „gelernt“, wenn auch unfreiwillig. Das Lean Back Medium schlechthin ist schon längst zu einem Lean Forward Medium geworden und gäbe es die Fernbedienung nicht, hätten 99% der Männer vor den TV-Schirmen „Waschbrettbäuche“ und die Damen wohl keinerlei Figurprobleme, wenn jedes Umschalten von einem Kanal auf den anderen einen ganzkörperlichen Bewegungsablauf bedingen würde.
 
Der Trend zur Fragmentierung der eigenen Zuseherschaft durch die TV-Senderbetreiber und deren immer stärkeren Ausbau des Spartenkanalsegments unterstützt diesen „aktiven“ und hoch selektiven TV-Konsum noch viel mehr. RTL Living, RTL Crime, Romance TV (etc.).
 
Ergo: Fernsehen hat sich schon längst von einem passiven Programmkonsum in einem aktiven Selektionsprozess der gewünschten Inhalte verwandelt. Demzufolge ist sich also bald jeder TV-Konsument vor dem Einschalten darüber bewusst, welches Genre er wohl zur Primetime konsumieren möchte und gestaltet sich also schon längst sein Programm mittels Fernbedienung selbst.
 
These: Vor gut zehn Jahren sah man Video on Demand noch aus drei Gründen als problematisches Geschäftsmodell an. Erstens waren die Lizenzen für den Anbieter relativ teuer, zweitens war die Distribution (also die Auslieferung von Filmen) ob der vergleichsweise noch geringen Bandbreiten und den hohen Kosten für Bandbreite eine Geschäftsmodellhürde und drittens, und das sah man damals als wahrscheinlich den wesentlichsten Faktor an, war das „Gratis Programm- und Spielfilmangebot“ der Free-TV-Sender eine ernstzunehmende scheinbar unüberwindbare Hürde. Letzteres hat sich offensichtlich erledigt, denn sonst würde kaum ein Kabelnetzbetreiber Digitale Videotheken anbieten und das - wie man hört - mit kommerziellem Erfolg!
 
Man kann sich also selbst die Frage stellen, ob man zwischen EUR 1,90 und EUR 4,90 für einen Spielfilm bezahlen würde, wenn es kostenfreies attraktives TV-Programm gäbe.
 
Einige Kennzahlen aus 2010:
2010 verkaufte Flatscreens mit „Internet @ TV“ in Österreich: 175.400 Stk.
2010 verkaufte Flatscreens mit „Internet @ TV“ in Deutschland: 1.924.000 Stk.
 
Vergleich:
2010 verkaufte iPads in Österreich: 30.000 Stk. (inkl. Grauimporten)
2010 verkaufte iPads in Deutschland: 210.000 Stk. (inkl. Grauimporten)
10% der iPads waren LAN Pads, 90% 3G-fähige Geräte.
 
Prognosen:
2015: 23.000.000 Stk Hybrid TV-Geräte in deutschen Haushalten
2015: 30% er Haushalte werden „Internet“ über den TV-Schirm nutzen
2015: 23.000.000 Stk Hybrid TV-Geräte entsprechen 61% ALLER TV-Haushalte in Deutschland
(Quelle: GOLDMEDIA)
 
In all diesen Prognosen und Verkaufszahlen sind folgende Geräte, die den Haushalt im Wohnzimmer, also das TV-Gerät zum „Internet-TV und Video-Gerät“ machen nicht berücksichtigt:
1) BlueRay Recorder (nahezu allesamt mit Webbrowser ausgestattet)
2) Spielekonsolen (Sony Playstation, Nintentdo Wii, XBox)
3) Internet TV-Boxen (Apple TV, Boxee Box, Google Box, oder PCs die an das TV Gerät mittels HDMI Kabel angeschlossen sind)
 
Trotz dem angeführten „Stückzahlen-Vergleich“ (iPad und Internet @ TV) sind beide Ausspielkanäle NICHT miteinander vergleichbar.
 
Gehen wir davon aus, dass ein iPad (oder auch jedes andere Tablet) dem Sinn nach zur mobilen Anwendung bestimmt ist und ein „größeres“ Display deshalb aufweist, weil das Konsumieren (Lesen, Videokonsum) dadurch sinnvoller und bequemer ist als der Konsum von Inhalten auf den weitaus kleineren Displays der Smartphones, wird klar, dass es sich bei diesen Geräten um Ausgabegeräte handelt, die für eine „Einpersonen Nutzung“ bestimmt sind und für den digitalen Konsum von Inhalten, die in ihrer bereits bestehenden analogen Form solchen Nutzungsbegehrlichkeiten bereits unterliegen (Beispiel: Tageszeitung, Buch, Telefonbuch, Suchmaschinen, Webnutzung).
 
Als Home-Entertainment Produkt sind solche Geräte wahrscheinlich eher weniger tauglich. Hier stehen sie nämlich in direktem Mitbewerb zu billigeren oder zumindest gleichteuren Geräten mit weitaus größerem Bildschirm und somit im Home-Entertainment Bereich (wie die Verkaufszahlen zeigen) gefragteren und beliebteren Unterhaltungserlebnissen (Stichwort: Trend zu möglichst großen Flatscreens).
 
Es ist also keine „Entweder/Oder-Entscheidung“ für einen Haushalt, sondern im Idealfall eine „und“ Entscheidung. Mobiles Erlebnis UND Home-Entertainment.
 
Lesen - also Webbrowsing und das Konsumieren von z.B. Onlineportalen von Tageszeitungen - wird NICHT die Applikation und der Inhalt sein, über den man nachzudenken hat, wenn man über ein inhaltliches Engagement im Bereich Internet @ TV nachdenkt. Ein noch bunterer „Teletext“ mit Rückkanal im Wohnzimmer wird definitiv nicht der Renner sein und auch kein Geschäftsmodell.
 
Was nutzen wir also wo und wie von heute bis 2015?
 
Mobile Geräte:
Wie der Name schon sagt: Nutzung vorwiegend unterwegs, also da, wo es keinerlei großflächige Bildschirmalternativen gibt und ein PC oder Laptop zu „sperrig“ ist. Vielleicht auch im Haushalt, um kurzfristig rasche und bequeme Informationsbedürfnisse abzudecken (schnell mal was googeln, schnell mal was nachlesen) oder um „nebenher“ also neben z.B. „TV-Konsum“ oder Hörfunk-Konsum das eigene Social Media Profil zu pflegen, oder vielleicht die E-Mails zu checken, oder einen kleinen Chat abzuhalten. Sicherlich auch als Alternative zum Lesen einer gedruckten Zeitung, oder eines Buches (Stichwort: E-Reader und E-Book).
 
Einer der wahrscheinlich wesentlichsten Nutzungsimpulse wird immer das Erfüllen eines Kommunikations-(Konversations-)bedürfnisses sein. Fazit: das iPad oder das Tablet als Ersatz für den Laptop, und - je nach individueller Anforderung - auch für das Handy.
 
Aus dieser Sicht ist es nicht falsch, sich als Medienbetreiber mit derzeit „gedrucktem Stammgeschäft“ über diesen Verbreitungskanal ernsthaft Gedanken zu machen. Der Vorteil: die Umstellung in der Content Produktion ist mit geringerem Aufwand verbunden, da keinerlei Bewegtbildkompetenz zwingend notwendig ist, jedenfalls nicht im überwiegenden Anteil der Inhaltsproduktion.
 
Stationäre Geräte:
Hierzu zählen die allseits bekannten Begleiter des Büro- und Privatalltags. TV, HiFi, PC (ob Laptop oder Standgerät).
Nachdem wohl niemand auf die Idee kommen würde ernsthaft in Erwägung zu ziehen, seinen 50 Zöller unter den Arm zu klemmen, damit mobil telefonieren zu wollen oder gar in der Straßenbahn, im Bus oder im Flugzeug Videos anzusehen, werden wir davon ausgehen können, dass die Flatscreens sinnvoller Weise in den Haushalten bleiben werden. Dies verschafft dieser internettauglichen TV-Innovation bisher jedoch genau das Aufmerksamkeitsmanko gegenüber iPad & Co, von dem wir heute sprechen.
Einer der wesentlichsten Erfolgsfaktoren von iPad und iPhone und den androidischen Kollegen hinsichtlich der Entstehung einer allgemeinen Begehrlichkeit war, dass die Flatscreens nicht im (Büro)Alltag zum Einsatz kommen.
 
Wie haben Sie von iPad & Co erfahren? Erst wahrscheinlich über Medien und deren Berichterstattung darüber, danach, weil sie dem einen oder anderen Menschen (vielleicht im Kaffeehaus oder im Büro, jedenfalls aber im mehr oder weniger öffentlichen Raum) begegnet sind, der ein solches Gerät bei sich hatte und nutzte. Vielleicht unterhielten Sie sich auch mit dieser Person über das Gerät, vielleicht wurde es Ihnen auch vorgeführt, jedenfalls aber wurde es Ihnen mit enormer Euphorie angepriesen. (Virales Social Marketing in seiner Urform).
 
Von wem wissen wir, dass er sich gerade einen neuen Fernseher gekauft hat? Wie groß er ist? Was er kann? Oder von welcher Marke er ist?
Wie viele Ihrer Bekannten, bei denen Sie nach Hause eingeladen sind, führen Ihnen gleich nach dem Eintreten ihr neues TV-Gerät vor? Oder bietet man Ihnen einen Kaffee, einen Prosecco oder ein Glas Wein an? Bei wie vielen Einladungen steht gemeinsamer Medienkonsum im Mittelpunkt und bei wie vielen ein gemeinsames Essen, oder eine Unterhaltung?
 
Diese Beispiele könnten endlos fortgesetzt werden, allesamt verdeutlichen aber, dass es Technologien in der reinen „Unterhaltungselektronik“-Anwendung um ein Vielfaches schwerer haben, einen Viral-Effekt für sich zu nutzen.
Somit wird klar, warum eine extrem starke Entwicklung und Veränderung, die seit 2009 massiv eingesetzt hat, mit enorm geringem öffentlichen Interesse bedacht wird. Und die heutigen „Leit“-Medienbetreiber werden derzeit einen Teufel tun, um diese neuen Nutzungsmöglichkeiten, die in wahrscheinlich auch Ihrem Haushalt vorhanden sind zu bewerben, oder zu forcieren. Angesichts der oben genannten Verkaufszahlen kann man sich also die Frage stellen, warum das iPad mehr „Airtime“ im herkömmlichen TV bekommen hat, als Internet @ TV. Die Antwort ist rasch gefunden: das iPad ist für mich als (z.B.) RTL keine Konkurrenz, sondern ein möglicher zusätzlicher Ausspielkanal in einer situativen Umgebung, in der ich meine Nutzer heute noch nicht erreichen kann und somit potentiell reichweitenerweiternd.
 
Internet @ TV hingegen schaltet mich aus. Wer z.B. Youtube Videos am TV Gerät nutzt, kann wohl gleichzeitig kaum „Deutschland sucht den Superstar“ sehen und verringert somit meine Reichweite und meine Marktanteile und meine Refinanzierungsmöglichkeiten durch Werbeschaltungen.
 
Tatsache ist, dass sich an der Nutzung unserer PCs und Laptops im Haushalt wenig ändern wird. An der Nutzung unseres TV-Gerätes jedoch einiges.
 
Wer heute denkt, dass es noch viel zu wenige Videoalternativen (in welcher technischen und inhaltlichen Qualität auch immer) gäbe, um eine Nutzung von aus dem Internet „kommenden“ Bewegtbildinhalten im Wohnzimmer abendfüllend und einfach zu bedienen gewährleisten zu können, der hat nicht nur Unrecht, sondern auch noch keinen Selbsversuch gestartet.
 
Alleine in Deutschland finden Sie heute bereits über 1.300 (zu 96% kostenfreie) Web-TV Sender mit täglich über 151.000.000 Clips im Repertoire. Bis 2015 soll sich laut BLM (Bayrische Landeszentrale für neue Medien) diese Zahl auf 390.000.000 nahezu verdreifachen.
 
Dies nur zur Verdeutlichung der gegenwärtigen Angebote.
 
Was diese Entwicklung für die Medienwirtschaft, die werbetreibende Wirtschaft und für die Bewegtbildproduzierende Wirtschaft und für die Verkaufsförderung bedeutet, lesen Sie in den folgenden Beiträgen.


(Autor: Roland Ernst Nikitsch

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