Die Angst vor Google - oder - Angst hat man nur vor dem, was man nicht kennt.

05.01.2011 23:01:00 (Kommentare: 0)

Google ist nicht der Taliban der Medienwelt!

tl_files/Blog/Video_Stills_Blog/medientage_muenchen_play.png

Medientage München 2010 - der Mediengipfel (Talk)

Es ist erstaunlich, welche Reaktionen Innovation heut zu Tage in Europa hervorrufen kann. Anstatt zu euphorisieren und anzuspornen, erweckt sie Angst im Management der größten Medienunternehmen.
 
Innovation als Feindbild und Bedrohung. Das sagt wahrscheinlich schon alles über den Zustand unserer Führungselite aus. Die wahre Bedrohung, vor der man heute Angst haben muss, scheint dem zu Folge wohl das Management der eigenen Unternehmen zu sein.
 
Die alte Regel „Angst hat man nur vor dem, was man nicht kennt“ gilt leider auch hier. Wir können hierbei nur wieder auf einen älteren Beitrag verweisen („Controlling vs. Kreativität“ und „Wer bin ich“)
 
Der von uns ausgewählte Rebroadcast des Mediengipfels der Medientage München zeigt, mit welchem Unverständnis die „lineare“ Medienwelt in Europa mit dem Phänomen „Google“ umgeht. Völliges Unverständnis wächst sich zur Ablehnung aus. Es hilft nur leider nicht besonders weiter, wenn man ein real existierendes Angebot (Google) schlicht weg ignoriert und verteufelt.
 
Was hat Google besser gemacht als alle anderen? Das muss die Frage sein.
Und: wie kann ich als Unternehmen dieses erfolgreiche Beispiel in meine Geschäftsfelder transformieren und mir zu nutze machen?
 
Als Hilfestellung kann folgende Überlegung dienen:
Googles Geschäftsansatz war in seinem Ursprung nicht von ökonomischen Zielen getrieben, sondern, wie im übrigen in den USA üblich, von der Theorie, dass jedes Service, jedes Produkt, das einer breiten Öffentlichkeit das Leben - in welcher Form auch immer - einfacher, interessanter, bequemer oder gar nur unterhaltender macht, seinen Weg in die Monätarisierung zwangsläufig finden muss.
 
Zugegeben, in den USA stehen für solche kulturellen Geschäftsansätze auch ausreichend Finanzierungsmöglichkeiten zur Verfügung. Theoretischer weise stehen gleiche oder ähnliche auch jedem europäischen Unternehmen zur Verfügung, will man sich derer nur eben bedienen und versteht man solche in ihrer Funktionalität. Diese Finanzierungsbasis existiert und ist lediglich eine Frage der Mentalität. Klar ist, dass KEIN Geschäft der Welt risikofrei ist. Die europäische Mentalität jedoch ist so risikoavers, dass man sich hierzulande wundern muss, wenn überhaupt jemand eine Erfindung macht, oder eine Entwicklung hervorbringt.
 
Risiko, das ist die Ungewissheit des Erfolges und impliziert die Möglichkeit des Scheiterns. Vielleicht ist genau das die Ursache. Die fehlende Kultur im Umgang mit Scheitern, die wir in Europa haben. Solange Scheitern mit Versagen gleichgesetzt wird, anstatt mit dem bewundernswerten Versuch, etwas zu schaffen, dem bewundernswerten und unverzichtbaren Verlangen von Menschen nach Weiterentwicklung; so lange wird nicht die Angst vor dem Risiko unsere Gesellschaft davon abhalten innovativ zu sein, sondern die Angst vor gesellschaftlicher Ächtung.
 
Zurück zum  Google-Monster, das keines ist.
 
Egal was Google entwickelt und auf den Markt bringt, alles davon scheint einen Gedanken im Zentrum zu haben: was wollen die Menschen, was wollen unsere Nutzer, was wollen diejenigen, die wir dafür begeistern wollen?
 
Wenn jedes Medienunternehmen diese Frage zur zentralen Produkt- und Selbstdefinition machen würde, bräuchte man keine Angst vor Google haben und wäre mindestens ebenso erfolgreich wie besagtes Unternehmen und könnte mindestens ebenso viele Menschen davon begeistern, diese Entwicklungen mit zu finanzieren (über welches Finanzierungsinstrument auch immer, derer es ausreichend zur Auswahl gibt).
 
Und ein Wunsch der Konsumenten ist klar ausgesprochen: Für Inhalte wird nicht bezahlt! Denn, wie auch in der Diskussion sehr deutlich zu hören ist: es geht um den freien Zugang zu Information. Diese vermeintliche intellektuelle Diskrepanz scheint aber für Medienunternehmen heute kaum auflösbar zu sein und gleichzeitig erfindet man immer neue „Gebühren und Abgaben“ für immer restriktivere Services, die man dem Konsumenten dann auch noch als Vorteil einzureden versucht (Stichwort: HD+ im Privatfernsehsektor).
 
So sollte es nicht weiter verwunderlich sein, wenn die „Bemühungen“ der arrivierten Medienhäuser vom Konsumenten nicht angenommen werden. Internettechnologie hat schlicht weg eine wesentliche Veränderung für alle (Anbieter und Konsument) gebracht: die Auswahlmöglichkeit. Und mit genau dieser scheinen wir in Europa nicht umgehen zu wollen oder zu können und an dieser scheinen wir zu scheitern (hier aber im tatsächlichen Sinne von Versagen, denn das Scheitern in diesem Fall beruht ausschließlich auf der eigenen Ignoranz).
 
Google macht also nichts anderes, als dem Ruf der Konsumenten zu folgen und diesem zu entsprechen und strengt sich dabei auch enorm an. Das könnte auch jeder andere. Nur müsste man eben „tun“, denn das ist das Wesen eines „Unternehmens“, das unternimmt und nicht „unterlässt“.
 
Die Medienwelt ist hier nur der Anfang, die Telekommunikationswelt wird die nächste Branche sein, die in Europa vor Google zu zittern beginnen wird und danach die Energieversorger (wer Telekommunikationseinheiten am Weltmarkt handeln kann, der kann das auch mit Strom).
 
Allesamt aus dem gleichen Grund: Am Anfang war es ach so bequem, dass die Anstrengungen von Google auch allen anderen mehr „Frequenz“, mehr Geschäft brachten, heute kommt das böse Erwachen aus der Bequemlichkeit. Wer sich zu lange darauf verlassen hat, dass andere die eigenen Aufgaben erfüllen, der darf sich nicht wundern, wenn er es selbst verlernt hat.
 
Deshalb ist Google eine Chance in jeder Hinsicht. Ein Spiegel, der uns zeigt, was wir alles auch selber machen könnten, wie wir mit Konsumenten umgehen könnten und wie wir alle wieder „gebraucht“ und gewünscht werden könnten und deshalb auch letztlich wieder Geld verdienen könnten.
 
Eine Grundregel besteht jedoch: Denken in linearen und unfragmentierten Mustern ist eine Sackgasse.
 
Google ist also nicht die Ursache, sondern nur ein Symptom.
 
Hochinteressant sind die Beispiele und Wortschöpfungen der Diskutanten, die nur eines zum Ausdruck bringen, nämlich das Unvermögen, sich mit den aktuellen Entwicklungen auf einer konstruktiven Basis auseinander zu setzten.
 
Dieses Unvermögen rührt wahrscheinlich von mehreren Ursachen her.
Einerseits vom absoluten Willen zur Ignoranz der Tatsache, dass noch NIE für Inhalte bezahlt wurde (siehe einer unserer vorigen Beiträge „Geld hat ein Mascherl“), sondern immer für ein ganzheitliches Produkt, eine Marke, anderseits von dem Umstand, dass man sich eben seit mehr als zehn Jahren in den Chefetagen der Unternehmen nicht intensiv mit diesen neuen Technologien und Nutzungsverhalten und den bereits bestehenden Angeboten auseinandersetzen wollte (das ist alles so komplex, dafür haben wir Experten).
 
Wie fit sind eigentlich unsere Medienmanager tatsächlich im persönlichen Umgang und in der Handhabung mit all dem, worüber sie sprechen? Wie viele nutzen YouTUbe, Facebook, Twitter, oder auch nur das Netz selbst, bloggen, oder nehmen an all diesen neuen „Medien“ aktiv teil? Das wäre nämlich die Grundvoraussetzung um ein Gefühl dafür entwickeln zu können, was sich gerade bei der eigenen Kundschaft „abspielt“.
 
Jeder, der nicht nur schlau darüber redet, wie die Zukunft aussieht, sondern auch aktiv an der Gegenwart teil nimmt, der all das, wovor er vermeintlich Angst hat, oder das, was er als Bedrohung sieht in seinen persönlichen Alltag bereits integriert hat, wird feststellen, dass es keine Bedrohung sondern nur Chancen gibt.
 
Zum ersten Mal kann jeder Mensch, egal welchen Alters aktiv an all dem teilnehmen, was z.B. eine angepeilte Zielgruppe von Menschen interessiert, bewegt und motiviert, auch wenn man in der physischen Welt aufgrund des möglicher Weise bestehenden Altersunterschiedes von solchen Beobachtungsmöglichkeiten völlig ausgeschlossen ist.
 
All diese neuen Möglichkeiten werden nicht genutzt. Wir selbst haben unser Handwerk in den heute „klassischen“ Medien gelernt und hatten die Chance, weil auch das Interesse, bereits vor mehr als 18 Jahren an diesen damals noch absolut neuen Entwicklungen teil zu nehmen.
 
Zugegeben, es bestand die letzten 18 Jahre sehr viel Aufwand darin, das eigene Leben (beruflich wie privat) und die eigenen Informationsgewohnheiten dahingehend anzupassen, enorm viel technisches Grundwissen zu erlangen, um heute von diesen Möglichkeiten profitieren zu können und die Zusammenhänge als „transparent“ und „einfach“ zu empfinden. So gesehen ist jeder gut beraten, sich, wenn er es nicht schon längst begonnen hat, nun schleunigst mit all diesen Themen intensiv auseinander zu setzen.
 
Den Vorteil den man heute hat, sich diesen „Anstrengungen“ hinzugeben ist einer, den wir (als tatsächliche Digital Natives) damals nicht hatten: man muss sich all das nicht selbst erarbeiten, man kann es sich von Menschen wie uns „kaufen“.
 
Manchmal wird man von der Anmutung gepackt, die größten deutschsprachigen Medienunternehmen würden ernsthaft in Betracht ziehen, mit Fiakern an Formel 1 Rennen teilnehmen zu wollen und würden sich dabei auch noch gute Chancen für eine Platzierung unter den Top 3 ausrechnen.
 
Die Klage über den „Diebstahl“ geistigen Eigentums durch den Internetkommunismus geht schon deshalb ins Leere, da sie meist von denen kommt, die selbst derzeit die Wertschätzung solcher „Kreativität“, solchen „Talenten“ und Begabungen mit möglichst geringen Arbeitsentgelten der eigenen produzierenden Mitarbeiter „belohnen“ und dies dann noch unter dem Vorwand, dass eben auch kein Konsument bereit wäre, für diese Leistungen zu bezahlen.
 
Ein Argument, das sich wie eine Katze in den Schwanz beisst und an das Sprichwort „der Fisch fängt immer beim Kopf zu stinken an“ erinnert. Wenn man will, dass Konsumenten also geistige Leistung und geistiges Eigentum wertschätzen, muss man dies auch selbst tun (als kleine Reflexion an die Gesetzgebung: Geistiges Eigentum ist Urheberrecht und dies ist ohnehin nicht übertragbar).
 
In Europa hat man leider auch eine ganz besondere Tradition mit dem „Diebstahl“ geistigen Eigentums entwickelt. Abzulesen ist es genau in dieser Diskussion. Wäre geistiges Eigentum, Kreativität und Wissen von Wert, würde man schon längst in genau das investieren. Erkennen, dass der Aufbau davon im eigenen Unternehmen den Mehrwert, den Unternehmenswert ausmacht und man würde anstatt rigide Sparkurse seinem eigenen Medienunternehmen exzessive Innovationskurse verordnen.
 
Altes Wiener Sprichwort: Zu Tote gefurchten ist auch gestorben. Oder: Zu Tode gespart ist auch gestorben.
 
Die interessante Erkenntnis aus solchen Veranstaltungen ist: während Medienmanager und Politiker über eine Zukunft, die bereits Gegenwart geworden ist immer noch diskutieren „macht“ Google.
 
In diesem Sinne: „La vita e bella!“ Machen wir was draus!


(Autor: Roland Ernst Nikitsch

Zurück

Einen Kommentar schreiben

Bookmark and Share