Die „Blase“ die niemals „geplatzt“ ist

12.01.2011 22:16:00 (Kommentare: 0)

Bubble Burst - oder - das Märchen von einer Katastrophe

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Spiel nicht mit den Schmuddelkindern Franz-Josef Degenhardt
Bis heute, 10 Jahre später, existiert nur ein einziger undifferenzierter Zugang zum Thema Internet und seiner (jüngsten) Vergangenheit, nämlich - „Die Blase“.Einer, vielleicht aber auch der wesentlichste Grund, warum alles, was mit „internet“ zu tun hat, heute immer noch ein gewisses „Schmuddelimage“ zu haben scheint.
Eine These:
Der „Internethype“ war eine Erfindung des Kapitalmarktes.
Internet und Technologie - Eine Branche, in der es noch kaum Experten gab, kaum Erfahrungswerte, also war man frei in der Erschaffung neuer Bewertungsmethoden und schaffte gleich neue Marktplätze (NASDAQ, Neuer Markt Frankfurt). Unternehmen gab es genug. Und einen entwickelten alternativen Finanzierungsmarkt (Venture & Private Equity), der die Wertschöpfungskette ausreichend abbilden konnte.
 
Mit dieser Basis war das notwenige als Grundlage für ein neues Spiel geschaffen.
 
Die neue Bewertungsbasis: Finanz- bzw. Businesspläne, die möglichst hohe Anlaufverluste darstellten und nach vier bis fünf Jahren exponentielle Umsatzentwicklungen („Hockeystick“) prognostizierten, die die Amortisation der Investitionen im 5. Jahr und die Verdienstzone ab dem 6. Jahr auswiesen.
 
Untermauert wurden diese Zukunftsprognosen von namhaften Wirtschaftsprüfungskanzleien (Big Five) und diversen internationalen Marktforschungsinstituten mit Guru Status (Forrester Research).
 
Eine Umfeldindustrie an Dienstleistungen rund um Bilanzierung und Bewertung wurde geschaffen, die in ihren Honorarumsätzen noch nie dagewesene Dimensionen erreichte.
 
Wer Anlegergelder „raisen“ wollte, brauchte einen „Stempel“ einer dieser „Werthaltigkeitsgötter“ und der war teuer zu bezahlen.
Das Finanzringelspiel konnte beginnen. Erst die Venture Capital-Geber, die sich kleine „Garagenfirmen“ aussuchten, diese ausreichend kapitalisierten um aus den „Garagenbuden“ herzeigbare Firmen zu gestalten (Büros, Personal) und last but not least die nicht unbeträchtlichen Kosten für Marktstudien und Vorschaubilanzerstellung und Prüfung (bei den Big Five) finanzierten.
 
Dann musste noch einmal ins Börserl gegriffen werden und die Kosten für die Vorbereitungen des Börseganges (IPO) aufgebracht werden. Nun wurde „vorbörslich“ gezockt. Investmentbanken lieferten Kapitalnachschub um bei IPO ihre bereitgestellten Gelder möglichst rasch zu versilbern. Soll heissen: Garagenbude, die nun Konzern-Outfit bekam, geht an die Börse, PR und Marketingtrommel wird gerührt. Startkurs der Aktie flutscht in wenigen Tagen oder Wochen durch die Decke, Investmentbanker und Venturer haben ihren „Exit“ und verkaufen ihre Aktien an der Börse.
 
Bis hierher wurden bereits die ersten Finanzhaie reich. Manchmal auch die Gründer der Unternehmen. Durch diesen Aktienverkauf und die geschürte Nachfrage nach Aktien wurde der Kurs getrieben (vereinfachte Darstellung). Nun kommen die kleinen Privatanleger ins Spiel, die auch mindestens 25% pro Jahr, wenn geht aber pro Monat an Kursgewinnen verdienen wollten. Immer mehr Geld strömte an die Börse. Nur: hier darf man nicht vergessen (ausgenommen es handelte sich um Kapitalerhöhungen) diese lukrierten und realisierten Gewinne aus Kauf- und Verkauf von Aktien flossen nicht in die Unternehmen, sondern „Papierl A wechselte lediglich für USD XX,X den Besitzer“ (Vergleich: das Kinderspiel „Reise nach Rom“).
 
Börsenkurse sind nichts anderes als die Vorwegnahme von Gewinn- oder Verlustsituationen bestehender Unternehmen. Also eine Wette auf eine zukünftige Entwicklung eines Unternehmensergebnisses und Wertes.
 
Nimmt man also durch all zu rasch steigende Aktienkurse den zukünftigen Wert eines Unternehmens zu rasch vorweg und „realisiert“ diesen durch Verkauf der Aktie zu einem hohen Kurs, so ist nachvollziehbar, dass der Käufer der Aktie - zu diesem Zeitpunkt - einen Unternehmensanteil zu einem Wert erworben hat, der erst z.B. in 5 Jahren realwirtschaftlich eintreten soll (Zukunftswette). Es ist auch klar, dass irgendwann - vereinfacht dargestellt - der Kurs der Aktie entweder wieder nach unten gehen muss - weil ungeduldige Hoffnungen nicht erfüllt werden können, oder sich keiner findet, der den Unternehmenswert „von in 80 Jahren“ schon heute bezahlen will, oder der Kurs stagniert, weil jemand der den Wert „von in fünf Jahren“ bezahlt hat, nun wartet, was in fünf Jahren eintritt. Oder  unsere Freunde vom Finanz-Casino brauchen dringend Weihnachtsgeld, dann verkaufen sie Aktien, die sie nicht haben, treiben so den Kurs nach unten, kaufen die Aktien dann wieder billig ein, treiben den Kurs wieder nach oben und verkaufen dann wieder. (vereinfacht dargestellt).
 
Und dann gab es - für alle, die sich nicht mehr erinnern können - ab der zweiten Jahreshälfte 1999 das Schreckgespenst „Y2K“ (in Wien: Weitukei) - übersetzt - „year twothousand“.
 
Das war die Abkürzung für das technische Versehen, dass damalige - vor allem Windows- bzw. Bios-Rechner (also so ca. 80% aller Rechner) den Jahrtausendsprung nicht abbilden konnten.
 
Man könnte also folgende Fragen stellen:
  1. Wie kann es sein, dass alle Prognosen hinsichtlich der Verbreitung von Internetanschlüssen in Privathaushalten wie auch in Büroumgebungen so gut wie auf Jahr und Tag eingetroffen sind und

  2. wie kann es sein, dass die Nutzung des Internets entsprechend der Prognosen ebenso beinahe auf Punkt und Komma eingetroffen sind, und...

  3. wie kann es sein, dass 1999 und 2000 seltsame Stückzahlen an PCs (Rechnern aller Art) über den Ladentisch gingen, die Aktien der Chiphersteller durch die Decke gingen, sich aber diese Neuanschaffungswelle nicht einmal linear fortsetzte sondern abflaute, und...

  4. wie kann es sein, dass auf einmal, nahezu von heute auf morgen beinahe alle kommunizierten Internetbudgets der internationalen Konzerne wie vom Erdboden verschluckt schienen?

 
Die möglichen Antworten:
ad 1) Die Prognosen waren korrekt, der Markt war da, der Markt hat sich exakt wie berechnet entwickelt.
ad 2) Wer einen Internetanschluss hat, nutzt den auch. Gab ja genug zu entdecken.
ad 3) vielleicht, weil man die alten „Hobeln“ leise entsorgte (Y2K) und neue brauchte weil die das Jahr 2001 nicht kannten? Und danach - je nach Betrieb - das Zeug über 3 bis 5 Jahre abgeschrieben wird und man hier nur Hardwareinvestitionen vorgezogen hatte, die man vergessen hatte zu planen?
ad 4) weil dieses Geld vielleicht dazu benötigt wurde die in „ad 3)“ beschriebenen Anschaffungen zu decken?
 
Ein Blick auf historische Kursentwicklungen und Berichte in Medienarchiven kann nicht schaden.
 
Die möglichen Auswirkungen der möglichen Antworten:
Die Unternehmen, die bereits an den Börsen gelistet waren hatten mit Umsatzeinbrüchen zu kämpfen. Klar, hatten doch die Herrschaften z.B. neue PCs kaufen müssen anstatt ins „Internet“ zu investieren.
 
Die Aktionäre wurden - nicht zuletzt ob der definitiv überzogenen Unternehmensbewertungen - ungeduldig. Man darf nur nicht vergessen: Die Unternehmen haben sich nicht selbst bewertet, sondern bei den „Bewertungsgöttern“ für eine UNABHÄNGIGE Unternehmensbewertung und entsprechende Unternehmensprüfung als Grundvoraussetzung für Aktienverkäufe und Börselistings sehr anständige Honorare bezahlt (bezahlen müssen).
 
Die Bewertungsgesellschaften änderten ihre Bewertungsansätze und Bewertungsregeln und - ohne, dass jemand danach fragte, was nun mit den Regeln, die gestern noch die Wahrheit waren, heute ist - erfanden neue. Und siehe da, nach den neuen Methoden veränderte sich der Unternehmenswert von ganz alleine, ohne dass - Beispiele gibt es genug - der vorher bewertete Geschäftsplan in auch nur einer Position nicht erfüllt gewesen wäre.
 
Durch all das verändert sich - wie man weiss - schlagartig im realwirtschaftlichen Leben eines Unternehmens alles. Bis hin zur Bonität und somit zu Fremdmittelkosten oder auch nur dem Zugang zu Fremdmitteln (Betriebsmittelkredite & Co).
 
Internet war also über Nacht zur „Blase“ und zum „Schmuddelkind“ geworden.
 
„Viele Menschen haben sehr viel Geld verloren!“ - Das ist leider nicht ganz richtig, sie haben es gegen etwas getauscht (Aktien), die ihnen wer anderer angedient hat - das Geld hat wer anderer, es wurde also keinesfalls „vernichtet“ (weil das gar nicht geht). Verloren wurden Buchwerte und Buchgewinne - also die Chancen auf Realisierung einer Wette auf eine Hoffnung - und - weil das Internet gar so grauslich war, steckte man fortan sein Geld in wirklich sichere Anlagen, wie Immobilien und Immobilienfonds, die, wie wir heute wissen - ganz besonders transparente und nachhaltige Anlageformen sind.
 
Der einzige wirkliche „Vorteil“ an der Finanzkrise 2008/09 ist, dass heute dem unintelligentesten oder uninteressiertesten Mensch klar sein sollte, dass nicht eine realwirtschaftliche Branche „die Blase“ ist, sondern die Schmuddelkinder - mit denen man nicht spielen sollte - vielleicht unsere Freunde aus der Hochfinanz sind. Aber auch das ist wahrscheinlich nur eine Vermutung und alles ist vielleicht ganz anders?
 
Fazit: „Die Blase“ und das „Platzen“ selbiger, das - wie wir meinen, nie stattgefunden hat. Ebenso wenig wie die „Immobilienblase“ (hier handelte es sich auch „nur“ um eine Finanzproduktblase mit einem „Mascherl“ namens Immobilien) - nicht stattfand. Aber sie ruinierte Existenzen, das Image einer gesamten Generation von Kaufleuten und einer Technologie, zu der bis heute keiner mehr zu einem normalen „Zustand“ mehr zurück gefunden hat.
 
Für viele war es aber auch eine willkommene Ausrede, um weitere 10 Jahre alles unverändert weiter betreiben zu können wie bisher und sich nicht (anstrengender Weise) mit tatsächlich stattfindenden Veränderungen auseinandersetzen zu müssen.
 
Wer von uns nutzt nicht täglich das Internet? Ob beruflich oder privat. Warum also sollte alles, was damit zu tun hat, keine Relevanz haben?
 
Und: Auch Facebook und Google sind keine Vorboten einer „neuen Blase“, sondern ein real existentes Produkt mit über 500 Millionen Nutzern und was, oder wie viel so ein Unternehmen oder Produkt wert ist, bestimmen die, die ein Stückchen davon erwerben wollen.
 
Hier noch eines von tausenden Dokumenten aus dieser Zeit als archäologisches Fundstück: „Nutzung alter und neuer Medien in den USA“ (aus 2000). Und lassen Sie sich nicht davon verwirren, dass zwar alles eingetreten ist, nur die Vorstellungsgabe der „Ausprägungen“ von z.B. Konvergenzen damals eben noch etwas beschränkt war.
 
In diesem Sinne: alles was einem heute endlich „platzen“ sollte, ist „der Kragen“ wenn alte Kamellen immer noch als Ausrede für Entwicklungshemmung dienen.


(Autor: Roland Ernst Nikitsch

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