Die digitale Selbstentleibung der Medien und Werbebranche

20.02.2011 14:21:00 (Kommentare: 0)

Gratis, wertlos, „billig“, nutzlos

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Das scheint der wahre allgemeine Zustand von Medienunternehmen zu allem zu sein, was digital und über Internettechnologien verbreitet werden soll. Was nicht gedruckt ist oder um unüberschaubares Geld für TV produziert wird, kommt einfach in den europäischen Köpfen von Komunikationsunternehmen scheinbar nicht vor.

 
Zwar blicken alle mit großen Augen und voller Ehrfurcht nach „Amerika“, the home of Google, Facebook and Twitter, auf deren Unternehmenswerte, auf deren Dynamik, rufen laut „Social Media“ ohne zu wissen, wovon sie reden, propagieren „Web 2.0“, obwohl das Niveau des Know-hows der Branche gerade mal Web 0.1 erreicht hat (siehe unsere vorangegangenen Beiträge zu diesem Thema), anerkennen, dass all diese komischen Dinger millionenfach und international genutzt werden, Revolutionen auslösen und Geschäftsmodelle zum Fliegen bringen, sind völlig „App-deppert“ und wissen alle, dass das iPad unser Leben verändern wird, ähnlich wie die Erfindung des Automobils.
 
Super! Nur: es passiert nichts. Es bewegt sich keiner und wir beschwören in esoterischen Riten den unveränderten Fortbestand aller klassischen Kommunikationsformen. „Mit dem Internet ist‘s wie mit Sex unter Teenagern: alle reden darüber, aber keiner hat ihn!“ Das ist die wahrscheinlich treffendste Beschreibung, die wir im Laufe der letzten Monate gehört haben.
 
Der Branchendienst „atmedia“ thematisiert diese Unsitte der Mac-TKP Kultur der Medien im Onlinebereich sehr treffend. Im aktuellen Artikel von Thomas Loser mit dem Titel „Willkommen Null-Euro-TKP!“ beschreibt er sehr treffend die neueste Entwicklung am Markt.
 
Wir haben bereits in unserem Beitrag „Geld hat ein Mascherl“ darüber sinniert, welchen vernünftigen Grund es wohl geben kann, dass ein Kontakt mit einem „Leser“ in der Print-Ausgabe eines Mediums bis zu 60mal so viel wert sein soll, wie der Kontakt mit der selben Person in der Onlineausgabe des selben Mediums, zumal der Kontakt mit dem „Werbemittel“ im Onlinebereich messbar nachgewiesen werden kann und der Kontakt in der Printausgabe nur vermutet werden kann.
 
Wie ernst können vor diesem Hintergrund Diskussionen von Medienhäusern genommen werden, die sich darüber den Kopf zerbrechen, wie man mit den „ach so wertvollen“ Contents im Online Bereich wohl Geld verdienen könne, wie man den Nutzer dazu anhalten könnte, dafür zu bezahlen, und warum die Onlineausgaben ihrer Produkte durch Werbegelder alleine nicht refinanzierbar wären.
 
Es wäre wünschenswert, wenn man - sofern die Frage nach der Zukunft und Finanzierbarkeit ihrer Produkte im digitalen Zeitalter ernst gemeint ist - beginnen könnte, intelligente Überlegungen anzustellen, welche Wege in eine ökonomisch erfolgreichere Zukunft führen könnten. Hierzu ist es aber unabdingbar, dass man sich mit den Fakten aus der Sicht der Konsumenten auseinandersetzt und endlich aufhört, eine absurde Hoffnung zu nähren, die niemals eine war, nämlich dass der Konsument „Qualität“ erkennen würde und für diese auch bereit wäre, zu bezahlen.
 
Der Konsument erkennt Qualität. Nur die Definition von Qualität durch den Konsumenten entspricht heute scheinbar keinesfalls mehr der Definition, die die Anbieter zu diesem Schlagwort bereit halten. Der Konsument ist mündig geworden und das Angebot so vielfältig, dass er immer wählen können wird. Und das ist auch gut so. Nachdem - wie eingangs erwähnt - man sich medial und in der Betrachtung des Konsumentenmarktes immer noch in der „Internet Beta Phase“ befindet, ist es nachvollziehbar, dass Anbieter schlicht weg ein völlig falsches Bild vom Konsumverhalten haben, vielmehr noch, bis heute die Auswirkung von Social Media auf ihr ureigenstes Geschäftsmodell scheinbar nicht erkennen. Social Media bedeutet unter anderem das Ende der bislang gelebten „Link Economy“.
 
Hierunter versteht man die gegenseitige Referenzierung mittels klickbaren „Links“ von Inhalten und die dadurch generierbaren Reichweiten, Marktanteile und den Traffic auf Angebote. SEO (Search Engine Optimizing), SEM (Search Engine Marketing) und ähnliche derzeit immer noch benutzte „Wodoo Tools“ verlieren neuerdings ihren Stellenwert. Es sei an dieser Stelle auch erwähnt, dass Search Engine „irgendwas“ sich zu 99% auf Google bezieht, denn Yahoo & Co fallen bei den meisten Unternehmen völlig aus dem Beobachtungsradar (teilweise zu Recht).
 
„Der Google Rank Fetischismus“ hat vielen kleinen spezialisierten Unternehmen und Freelancern in den letzten Jahren gute Geschäfte beschert. Spezialkurse und viel „Hokus Pokus“ rund um dieses Thema gaben ihm einen Stellenwert, den er nicht verdient (zumindest nicht in Europa und schon gar nicht im deutschsprachigen Raum). Jeder Euro, den man in diese „Optimierungen“ steckt ist besser in die eigenen Strategien investiert, aber was solls, Google freut‘s!
 
Jedenfalls hat eine Veränderung stattgefunden, die solche Anstrengungen als bedeutungslos erscheinen lassen. Wenn es einen relevanten und revolutionären Ansatz gibt, von dem man behaupten kann, dass er im Zusammenhang mit dem Stichwort „Social Media“ unsere (digitalen) Geschäfte grundlegend verändert (hat), so ist es der „Like“, „Share“, „Tweet“ & Co Button. Zum ersten Mal findet Content den Nutzer und nicht umgekehrt. Und das in einem Tempo, von dem man bisher nur zu träumen wagte. (Mit allen Vor- und Nachteilen).
 
Das Google Ranking gibt‘s technisch dazu geschenkt. Also: Good bye SEO und SEM!
 
Die Auswirkung dieser aktuell stattfindenden Entwicklung weitet sich bis auf den TV-Konsum aus. Details zu diesen Entwicklungen in den kommenden Beiträgen.
 
Zu guter Letzt wollen wir noch einen wunderbaren Beitrag von einer Blogger-Kollegin zu diesem Thema empfehlen und Ihnen diesen dringend ans Herz legen:
Das Ende der Link Economy“ von Claudia Sommer


(Autor: Roland Ernst Nikitsch

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