Digital Natives - oder: Können Sie Internet?

14.06.2012 12:06:00 (Kommentare: 0)

So, oder so ähnlich scheint die Frage von Digital Naives an so manchen Jobbewerber in der Branche zu lauten.

Digital Natives

              Digital Natives: jung, billig und fesch

Was ist eigentlich ein "Digital Native"? Und was genau erwarten wir uns von so jemanden?

Diese Frage stellt sich kaum jemand. Deshalb versuche ich einmal meine Erfahrungen mit diesem Schlagwort zusammen zu fassen. Ein Erlebnisbericht aus dem wirklichen Leben.

Wer kennt das nicht! Eine Unterhaltung mit Geschäftsführern und/oder Vorständen und irgendwann kommt das Thema auf die Internetaktivitäten der Unternehmen. "Ja, das machen wir auch! Da haben wir einen ganz wiffen jungen Mann, der leitet unsere Online-Abteilung. Der ist unser Internet Experte!" Und damit ist das Thema "Internet in Deinem Unternehmen" schon weitgehend abgefrühstückt, denn interessieren tut es tatsächlich keinen so wirklich.

Internet - das ist Google, Facebook, Technik, CMS, irgend ein Programmierzeugs und noch ein bisserl Webdesign. Ach ja - Datenbanken und SEO und Twitter - und am Handy muss es auch gehen, das sind dann die Apps. Das haben wir auch!

Eigentlich eine Schande und viel mehr noch: wir sprechen immer noch von "Neuen Medien" in diesem Zusammenhang. "Neu" ist das leider tatsächlich für sehr viele Menchen in den Geschäftsführungsetagen und doch ist das ganze Zeug schon bald einmal 20 Jahre alt!

Wenn es also ums Internet geht, dann holen wir uns wen, der Internet kann! Und wie erkennt man den? Naja, jung muss er sein, weil der ja ein Digital Native ist. Digital Native: einer der mit dem ganzen digitalen und elektronischen Klumpert schon als Kind aufgewachsen ist. Und weil er schon im Windelalter mit dem Smartphone hantiert hat, kennt er sich eben aus. Nicht so wie wir "alten Furzer" die das erst vor einem oder zwei Jahren erworben haben, weils halt dazu gehört und vom Provider sowieso mitgeliefert wurde. Naja. Wie auch immer. Zurück zum digitalen Nativen, dem "Eingeborenen" des Internet.

Irgendwann vor langer Zeit erfand jemand das Automobil. Gut eine Genertaion danach war es schon ein Renner und - das kann man heute sagen - wir alle sind "Automotive Natives". Jeder von uns ist schon als Kind im Auto der Eltern mitgefahen, jeder von uns hat einen Führerschein, und die Handhabung, Nutzung und Bedienung aller Instrumente im und rund um das Auto ist uns eine Selbstverständlichkeit.

Aber: Würde der VW Konzern nach Mitarbeitern suchen, deren primäre und wichtigste Qualifikation der Besitz eines Führerscheines und der Nachweis von 3 bis 5 Jahren Fahrpraxis ist? Wahrscheinlich nicht.

Ich selbst fahre Auto seit gut 24 Jahren. Wenn man mir aber einen VW Golf in seine Einzelteile zerlegt vor die Füße schmeisst und mich dazu auffordert mit dem beigestellten Werkzeug das Ding fahrtauglich zusammen zu setzen werde ich wahrscheinlich bei der Lösung dieser Aufgabe nicht besonders erfolgreich sein.

Anders rum: Schenken Sie doch mal ihrem Digital Native Kind zu Weihnachten eine in ihre Bestandteile zerlegte Playstation, oder ein zerlegtes iPhone, einen Bausatz zur Errichtung eines Mobilfunknetzes, ein paar Server, zugehörige Software und PC Infrastruktur.

Und da haben wir den Kern der Sache: Nutzungs-Natives sind wir alle, deshalb haben wir aber noch lange keine Idee wir wir diese Dinger selber bauen könnten und uns die Software, die wir brauchen um die Hardware zu betreiben selbst zu schreiben.

Und jetzt wollen wir auch noch, dass diese jungen Herrschaften nicht nur unsere Hard- und Software zusammnschrauben, sie sollen sie teilweise auch noch selbst erfinden und am besten auch noch das Geschäftsmodell dazu basteln - Business Development eben!

Hört sich das nicht ein bisschen verrückt an? Ich glaube schon. Nur weil wir alle seit wir denken können Fernsehen, können wir noch lange keinen Sender führen, Programm machen, etc. Wie attraktiv es ist, sich mit der Handycam selbstgedrehte Urlaubsvideos von Freunden anzusehen wissen wir auch. Und je mehr wir uns als Hobbyfilmer versuchen und Fernsehen in unseren Heimvideos nachahmen umso unerträglicher wird es.

So, oder ähnlich könnte es sich auch aktuell in unserer Branche mit dem Thema Internet verhalten, meinen Sie nicht? Ich bin seit gut 20 Jahren im elektronischen Mediengeschäft. Kaum jemand von meinen Kollegen aus dieser Zeit arbeitet mehr in unserer Branche. Aus Unerträglichkeit der oben geschilderten Situation und: weil Internet und alles was damit abeiten soll "jung" - aber viel wichtiger noch BILLIG sein muss.

Internetaktivitäten dürfen in Europa nichts kosten, weil wir der Meinung sind, dass sie ja auch nichts bringen und dennoch sind wir voller Bewunderung für Google, Facebook, Twitter & Co.

Wir wissen auch: If you pay peanuts you get apes. "Well trained monkeys" - wie Google zu sagen pflegt.

Und unser zweites großes Problem lautet: "Not invented here" was so viel bedeutet wie: was wir selber nicht erfunden haben, kann nur Mist sein.

Ich finde es jedenfalls schon zum Teil unterhaltsam beobachten zu können, wie Business Developer, die noch nie ein Business developped haben ergebnislos vor sich hin developpen und Online-Medienexperten unter "Relaunch" eine neue grafische Gestaltung des Portals verstehen mit ein paar "Machine to Machine" Services.

Ich jedenfalls lese den Kurier.at auch nicht häufiger nur weil das Webdesign nun vielleicht ansprechender ist.

Fazit: Wenn wir das Thema Internet nicht endlich professionell angehen, wird es in Europa immer ein "Kindergarten" bleiben, von US Amerikanischen Unternehmen dominiert bleiben und - das ist das traurige - immer nur Geld kosten und wir werden nie damit verdienen.

Wer eine Spedtion hat ist gut beraten sich LKWs anzuschaffen - mit denen kann er Geld verdienen.

Natürlich fährt ein VW Golf auch so gut, vielleicht sogar besser und ist auch um einiges billiger in Anschaffung, Erhaltung und Handling.

Nur versuchen Sie mal 18 Tonnen Gemüse damit aus dem Marchfeld nach Oslo zu transportieren!

In diesem Sinne: nehmen Sie Ihre Internetaktivitäten ebenso ernst wie alle anderen Kommunikationsaktivitäten und widmen Sie diesem Thema ausreichend Aufmerksamkeit, Budget und Professionalität.

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