1 + 1 = 2 - „Antennenfernsehen“ ist vorbei!

18.01.2011 14:41:00 (Kommentare: 0)

Wie Neue Medien das „Leitmedium“ Fernsehen verändern

Die Boxee Box
tl_files/Blog/Video_Stills_Blog/antennenfernsehen_ist_vorbei_play.png

Boxee Box - Messe Bericht

Um nicht nur immer die „Printwelt“ hinsichtlich ihrer Zukunftsaussichten zu strapazieren, kommt heute mal das Fernsehen dran.
 
Leitmedium TV - das Dampfradio des 21. Jahrhunderts:
Die Zeiten sind vorbei, auch wenn viele Brancheninsider immer noch versuchen, TV als Leitmedium in den Köpfen der Kollegen zu verankern. Da helfen auch die schönsten Studien und Erhebungen einfach nichts mehr. Die Zeit ist einfach vorbei. TV wie wir es kennen wird es bald nicht mehr geben. Eigentlich gibt es TV „wie wir es heute kennen“ ohnehin schon seit einigen Jahren nicht mehr.
 
Es war einmal...
So fangen viele Märchen und Erzählungen an. Und so könnte man auch heute eine Geschichte über TV beginnen, denn sie war einmal. Fernsehen entwickelte sich aus dem „Programmkino“. Nicht zu verwechseln mit dem Fachbegriff Programmkino, so wie wir ihn heute verstehen im Sinne von „Art House Cinemas“.
 
Es soll Zeiten gegeben haben (irgendwann vor Hollywood), in denen vor allem Kurzfilme die gängige Unterhaltungsform in Kinos waren, ob in Schwarzweiss, oder gar als Stummfilme. Um also einen unterhaltsamen Abend im Kino verbringen zu können, mussten einige von diesen Kurzfilmen hintereinander dem Publikum angeboten werden und so gab es den einen oder anderen „Filmvorführer“ der sein Geschick im Kombinieren von unterschiedlichen Kurzfilmen zum „Programm“ beweisen konnte.
 
In Ermangelung des Fernsehapparates (Radio war damals wohl das Leitmedium, zumindest elektronisch) genoss man auch Nachrichten in Bewegtbild in der „Wochenschau“ im Kino. Dieses Nachrichtenprogramm - Wochenschau - war die einzige Informationsquelle für Menschen, die Bilder von der Welt und dem Geschehen in ihr in bewegter Form sehen wollten.
 
Die Macht solcher Bilder wurde früh erkannt und oftmals auch missbraucht (Stichwort: Leni Riefenstahl, eine Meisterin ihres Faches. Der Auftraggeber war damals leider nicht der verantwortungsvollste, wie man heute weiss).
 
Die Geschichte des ORF ist grundtypisch für die europäische Mentalität im Umgang mit „Neuen Medien“, das ist der Grund, warum wir diese hier kurz zusammenfassen. Tauschen wir dann Fernsehen mit jeder beliebigen neuen Medienentwicklung im Kontext aus, wirkt die aktuelle Situation wie ein Kabarett.
 
Die Geschichte des Fernsehens im Zeitraffer:
• erste drahtlose Fernsehübertragung 1928 im Rahmen der Berliner Funkausstellung
• erste „TV Live Übertragung“ von den Berliner Olympischen Spielen 1938 (zu sehen in so genannten „Fernsehstuben“)
• 1939 Fernseh-Testbetrieb in den USA
• Erste Fernsehstation in den USA 1941, 12 Stationen 1946
• 1948 gab es bereits 46 Stationen in den USA
• 1946 wurden auch in den USA die ersten Kabelverbindungen zum Programmaustausch errichtet
• 1953 erster Fernsehrundfunk in Deutschland
 
und nun kommt Österreich - 1955!
 
Die Geschichte des ORF führt uns auf RAVAG zurück, die 1924 gegründet und 1938 liquidiert wurde und über deren „Rumpf-Infrastruktur“ nach Kriegsende 1945 in jeder Besatzungszone eigene Hörfunkprogramme gesendet wurden. Irgendwann, man sagt im Dezember 1955 soll es die sagenumworbene Sitzung im ORF gegeben haben, in der die historische Entscheidung zu fällen war, ob man für die „1.200 Wahnsinnigen“ die in Österreich damals ein Fernsehgerät besassen, überhaupt etwas senden sollte (1955 hatten 0,06% aller Haushalte ein TV Gerät. Vergleich: 78,1% der HH hatten damals einen Radioempfänger, 6,4% einen PKW, 1,7% eine Waschmaschine und 3,4% einen Kühlschrank).
 
Naja. Heute kann man wohl sagen: Gott sei Dank hat man damals im ORF erkannt, dass TV Sendungen vielleicht doch g‘scheiter waren, als sich alternativ vielleicht auf die Befüllung von Kühlschränken zu konzentrieren.
 
Der Umstand, dass im Nachbarland schon zwei Jahre lang TV Sendungen produziert und ausgestrahlt wurden (empfangen meist nur in erwähnten Fernsehstuben, die sich großer Beliebtheit erfreuten und der Vorreiter des Public Viewings waren - man sieht: auch das ist nichts neues, obgleich der Erfolg im Mangel und weniger im Bedürfnis nach kollektivem Erlebnis begründet war) konnte uns da in Österreich nicht weiter irritieren oder in unserer Erkenntnis beeinflussen.
 
Dennoch. „Schuld“ daran waren Technikmitarbeiter des ORF, die in Eigeninitiative die ersten Fernsehübertragungsexperimente durchführten und dann auch die ersten Programmgestalter waren. Wie könnte es anders sein, als dass am 1. August 1955 als erste reguläre Fernsehsendung eine Diskussion unter dem Titel „Ist das Fernsehen eine Gefahr für die Presse“ ausgestrahlt wurde. - Klingelt da was? Internet, Gefahr, Zeitung...?
 
Jedenfalls: eins + eins = 2 und das trug sich gerade mal erst vor 55 Jahren zu! Nojo, sagt der Lateiniker.
 
Der nächste große „Wurf“ dieses Leitmediums im deutschsprachigen Raum gelang dann am 16. Juni 1981 mit dem „3. Rundfunk-Urteil“ (FRAG-Urteil). AM 1. Jänner 1984 startete aus einem Kellerstudio in Ludwigshafen die erste Fernsehsendung des Privaten Rundfunksenders (damals noch ausschließlich über Kabel übertragen) der „Programmgesellschaft für Kabel- und Satellitenrundfunk“ (PKS), die ein Jahr später „Sat.1“ heissen sollte. Nur einen Tag später startete „RTL plus“ seinen Sendebetrieb aus Luxemburg.
 
Der Rest ist wohl eine Geschichte, die wir alle hinter unseren TV Geräten täglich miterlebt haben.
 
Fazit: vom Beginn des Fernsehens vor gut 55 Jahren, bis zum Privatfernsehen (Duales Rundfunksystem) dauerte es also 29 Jahre.
 
Fernsehen, das „Leitmedium“, so wie wir es heute kennen, nutzen und verstehen, existiert also seit gut 16 Jahren.
Und Internet? Der Siegeszug des Internets begann im deutschsprachigen Raum 1996, also vor 14 Jahren und hatte einen ähnlichen Start wie TV, denn ob man für die paar „Wahnsinnigen Freaks“, die mit ihren Modems im Internet herumnuckelten was eigenes basteln sollte, war in vielen Unternehmen ein Diskussionsthema. Etwas leichter hatte man es jedoch schon, da man jenseits des großen Teiches über die Frage „Internet Ja oder Nein“ nicht mehr diskutierte, sondern im Gegenteil, ein Unternehmen nach dem anderen abgefeiert wurde (Stichwort: AOL & Co).
 
Heute kann man sagen, dass die gesamte Kommunikationswirtschaft vor einem noch nie da gewesenen Umbruch steht - nein, falsch - sich bereits in einem solchen befindet.
 
Zum ersten Mal muss nicht zuerst „Content“ (also Inhalte und Services) da sein, um technisches Gerät unters Volk zu bringen und anhand des Contents eine Begehrlichkeit auszulösen - heute wird Unterhaltungselektronik angeschafft, auch ganz ohne Content und der Content folgt nach (Stichwort: iPhone, iPad, Apps, Google TV, Boxee Box, iTV & Co).
 
Die Hardwareindustrie muss jedes Weihnachtsgeschäft etwas verkaufen. Die Telekommunikationsanbieter brauchen jedes Jahr neue „Highlights“ und wenn es nicht die billigen Tarife sind, dann „schenken“ sie uns Geräte.
 
Die Medienhäuser verschlafen diesen Umstand, dass sie nicht mehr die Drehscheibe für all diese Entwicklungen sind, sondern diese Entwicklungen sie rechts und links und das auch noch im Retourgang überholen. TV Stationen betreiben keine Markenstrategie mehr sondern gerieren sich als Abspielkanäle mit Kampfprogrammierung von Kaufsendungen. Eigenentwicklungen oder Eigenproduktionen sind weitgehend eingestellt und kommen nur noch ganz vereinzelt vor (ausgenommen Nachrichtensendungen über die sich ein Trash-TV-Sender zum Qualitätssender positionieren kann).
 
Wenn selbst produziert wird, dann zu enormen Kosten, die nahezu nicht refinanzierbar sind. Diese hohen Kosten begründen sich im dynamischen Abteilungswachstum der Unternehmen, denn nur wer viel Personal unter sich hat, bekommt viel Budget und wird somit im jeweiligen Konzern wichtig und mächtig und verdient einfach besser.
 
Aufgeblähte Strukturen lähmen und führen zu internen Verteidigungsfeldzügen von Abteilungen. Man ist mit sich selbst beschäftigt. So gesehen kann man froh sein, dass es US-amerikanische Produzenten gibt, die regelmäßig Serien herstellen, ansonsten wir wahrscheinlich entweder mit dem Testbild oder mit der 4.000sten Wiederholung von „Im weissen Rössl am Wolfgangsee“ konfrontiert würden.
 
Wer weiss heute noch, welchen Sender er gestern gesehen hat? Kein Mensch. Man weiss aber, dass man gestern Tatort, CSI (in allen Mutationen), Criminal Intent, Desperate Housewives, Monk, Dr. House, ... die Liste wäre endlos fortsetzbar - gesehen hat und - ziemlich wahrscheinlich nicht mehr deshalb, weil man ein Fan davon ist, sondern weil man sonst nichts vernünftiges mehr gefunden hatte. Spätestens bei der 8-minütigen Werbeunterbrechnung (derer es pro Sendung einer Serie leider im Durchschnitt 3 Stk. gibt) wird weggeschalten.
 
Der Konsument wurde durch „zappen“ zur Interaktion erzogen, vom „Lean back“ Berieselungskandidaten im Patschenkino zum Interaktiven Zapper.
 
1 + 1 = 2! bedeutet: Unterhaltungselektronik braucht Absatz, Telekommunikationsunternehmen brauchen Angebote, Softwareindustrie braucht Betriebssysteme, Betriebssysteme öffnen den Weg für Content, Content findet seinen Weg zum Verbraucher (vice versa), Content wurde Device-unabhängig, Nutzung wurde gelernt, jetzt muss das alles nur noch den Weg auf den TV-Schirm ins Wohnzimmer finden - und das ist heuer bereits geschehen.
 
Stellen wir uns vor: „Telekom Austria bietet aon Complete mit Google Box und 24 Monatsbindung um 19,90 pro Monat Flat und Unlimited an.“ (so zu erwarten im Weihnachtsgeschäft 2011).
 
Das bedeutet:
Internet-Box gibt‘s gratis. Zugang ist sowieso „flat“, WLAN sorgt für Inhouse-Distribution von Bandbreite im ganzen Wohnraum, bis in den Garten. Und „300“ TV Kanäle kommen in mehr oder weniger HD über die Box auf den Flatscreen im Wohnzimmer.
 
Was bedeutet das? Naja, wenn CSI & Co einfach zu fad sind, und es sonst nix g‘scheites gibt, schalt ich halt auf „YouTube“ um und schau mir (vielleicht) den Niavarani an? Oder ich klick mal auf ein App (das entweder vorinstalliert ist, oder das ich im TV Appstore auf meine TV Kiste runtergeladen habe) und spiel mich mal durch verschiedene Kochsendungen durch?
 
Wer YouTube ein bisschen kennt und nutzt (und alles von 12 bis 17 Jahren nutzt derzeit genau das und nicht mehr TV) weiss, dass ich mir dort von hochwertigen Doku-Channels bis hin zu Trash alles ansehen kann.
 
Die TV Oberfläche von YouTube ist bereits seit Jahren „On Air“: http://www.youtube.com/xl
 
Die Konkurrenz zum „herkömmlichen“ TV, das teuer produziert und als reines Broadcast Ding mit nur fast nix „on demand“ (ausser man zahlt extra)  derzeit die „Alleinherrschaft“ im Wohnzimmer ausübt, ist definitiv jeder „Bewegtbild-Internet-Content“.
 
Reduziert man das Stichwort „App“ auf den Umstand, dass durch diese Bedienoberfläche (App) Internetinhalte zum ersten Mal mit einer herkömmlichen TV-Fernbedienung nutzbar gemacht wurden (ganz ohne jede Tatstatur), wird klar, dass der Schritt zum „Lean-back“ Medium für Internet-Contents bereits vollzogen wurde. YouTube Videos mit der TV-Fernbedienung „anklicken“ (anzappen) ist nun einfach technisch möglich, bedient sich ganz gewohnt wie heute schon TV, Sat und Digtal-Kabel-TV, und ist da, wann immer ich es will, in meinem Wohnzimmer, auf meinem Fernseher, Großbild.
 
Und messbar ist es auch.
   
Fazit:
Der Sprung in die „Königsdiziplin“ TV ist nunmehr jedem Internetinhalt bereits gelungen. Die Box muss nur noch in den Haushalt (heute bereits um EUR 119,- in jedem Mediamarkt und Apple Store, um EUR 223,- als BoxeeBox über den Internetshop, als Google TV ab Frühsommer im Einzelhandel um ca. EUR 299,-).
Der Konsument erlebt das als „Fernseh-Programm“ und nicht mehr als Internet-Seite.
Der TKP hieft sich somit aus dem Internet TKP in den TV TKP Bereich.
Die Investitionskosten als „Eintrittsschwelle“ in den TV-Markt sinken für jeden Anbieter auf wenige EUR 100.000,-. Dank des „Apps“ (Stichwort: Video-Kochbuch-App, Fitness-TV-Sendungs-App, Sprachkurse etc.) reicht ein Content Refreshment (also frische, neue Programminhalte) alle 7 bis 14 Tage.
Weil für „On-Demand“ und „Spartenkanal“ ist ein Vollprogramm (24 Stunden 365 Tage im Jahr) nicht notwendig. Dies bedeutet überschaubare Produktionskosten.
Kleine Spezial-Content Anbieter bieten mit ihren Special-Interest-App-TV-Sendern ohnehin ein „Vollprogramm“.
Das TV Gerät ist „belegt“ und „klassisches Fernsehen“ findet somit - zumindest seltener - am Flatscreen im Wohnzimmer statt.
Dem Konsumenten ist es egal, er nimmt es nicht wahr, über welche Übertragungstechnologie diese neuen „TV Programme“ in sein Wohnzimmer kommen, es ist genauso TV für den Konsumenten wie alles andere, was derzeit bereits angeboten wird.
Durch den bestehenden Rückkanal können - bei Bedarf - Direkttransaktionen (Shop), oder die Verlinkung zum Angebot des Werbetreibenden gewährleistet werden, OHNE dass der Konsument dies als Unterbrecherwerbung empfindet, im Gegenteil, er „zappt“ freiwillig auf das andere Angebot und von dort wieder zurück.
 
Wem das zu „utopisch“ vorkommt und wer jetzt noch der Meinung ist, das sei Zukunftsmusik, den laden wir gerne zu einem gemeinsamen „New Media TV Abend“ zu uns ein und jeder kann gerne mal ein bisschen New Media TV erleben und konsumieren. Für die kulinarische Versorgung sorgen wir sehr gerne.
 
Nur bitte: um die Fernbedienung wird nicht gestritten und um 23:00 Uhr geht‘s ab ins Bett!


(Autor: Roland Ernst Nikitsch

Zurück

Einen Kommentar schreiben

Bookmark and Share