Neue Medien als Spiegelbild unserer Gesellschaft

29.01.2011 13:22:00 (Kommentare: 0)

Pisa-Studie, Familienpolitik, Sozialpolitik, Kommunikationskultur, direkte Demokratie...

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Lesung: „Die Telefonprotokolle“ Eröffnung
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Lesung: „Die Telefonprotokolle“ Teil 1
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Lesung: „Die Telefonprotokolle“ Teil 2
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Lesung: „Die Telefonprotokolle“ Teil 3
Was passiert hier eigentlich?
 
Das Video der sterbenden iranischen Demonstrantin Neda Agha-Soltan geht um die Welt und löst in kürzester Zeit Solidaritätskundgebungen aus.
 
Facebook-Revolution: Über Social Media organisiert sich in kürzester Zeit eine Volkserhebung gegen die amtierende Regierung in Tunesien und Ägypten.
 
Twitter, Facebook und das Web bescheren Karl Heinz Grasser eine Öffentlichkeit, mit der keiner umzugehen weiss und die denjenigen, die sich satirisch mit der moralischen Komponente dieses Sachverhaltes auseinandersetzen Reichweiten, von denen so manches Medienunternehmen träumen würde.
 
Väter die um den Kontakt zu ihren Kindern kämpfen organisieren sich über Internet und Social Media.
 
Ein Bildungsvolksbegehren betreibt seine „eigenen Medien“ (YouTube, Facebook, Twitter, Web).
 
Die Beispiele der letzten Jahre und Monate könnten meterlange Listen füllen. Aber was bedeutet das alles? Was geht hier vor? Verändert sich unsere Welt? Und wenn ja, wohin?
 
Nein, unsere Welt verändert sich nicht. Sofern man davon ausgeht, dass unsere Welt die Summe ihrer Bestandteile, also auch die Summe ihrer Bürger und die Summe ihrer Meinungen und Anliegen ist. Die menschliche Sehnsucht nach Fairness, Gerechtigkeit, Gemeinschaft, Wahrheit und letztlich einer „besseren“ und „lebenswerteren“ Welt hat lediglich einen Weg gefunden, völlig unabhängig und frei zum Ausdruck gebracht zu werden.
 
Theorie:
Bislang war die Verbreitung von Meinungen so gut wie ausschließlich von der Bereitstellung von „Kommunikationsfläche“ in Massenmedien abhängig. Massenmedien waren „kontrollierbar“. Heute, dank Facebook, XING, Twitter, StudiVZ, Web, YouTube, MyVideo & Co, und dem Umstand, dass jedes alltagstaugliche Mobiltelefon, von jedem einfach bedienbar, ohne jede fachlichen Spezialkenntnisse, jeder Laptop und PC als „Sende- und Empfangsstation“ genutzt werden können, ist es nur eine Frage der Inhalte, ob diese ihr Publikum finden und wenn ja, wie schnell und in welcher Breite. Dazu kommt, dass diese Technologien es jedem Sympathisanten erlauben, sich einer „Bewegung“ anzuschließen, auch wenn er/sie sich nicht offen dazu deklarieren möchte (also auch anonym).
 
Das sich offen Deklarieren ist vor allem in Europa eines der größten sozialpolitischen Probleme. Immer gewesen und bis heute immer noch. Jetzt würde der aufmerksame Leser wahrscheinlich - und auch das ist eine Konditionierung - sofort historische Angstgefühle vor einer Wiederholung der Geschehnisse der NS Zeit entwickeln und sich fragen: „Was, wenn jemand all das wohl missbraucht? Was, wenn wieder Volksverhetzung stattfindet?“
Und genau das ist der falsche Weg, der falsche Ansatz, mit diesem Thema umzugehen. Es würde in dem Ruf nach Verboten, Kontrolle und Reglementierung münden und somit genau das begünstigen, was man dadurch eigentlich aus einem ersten Reflex heraus zu verhindern versucht hatte. All diese Kommunikationsmittel würden zur Bespitzelung, Kontrolle und Verfolgung einsetzbar werden und das nicht von Bürgern, sondern von „Staatsgewalten“. Kurz: ein umgekehrtes Ägypten-Syndrom.
 
Jeder, der also danach ruft, diese Technologien unter Kontrolle zu stellen, würde erst den Weg dafür ebnen, was er eigentlich verhindern möchte und am Beispiel Ägypten: es wäre somit nie passiert. Die Bevölkerung wäre kontrollierbar geblieben. Ein vom Volk nicht legitimiertes Regime (von dem jeder halten kann, was er will) wäre ungestört weiter an der Macht und wir hätten wahrscheinlich durch gefilterte Informationen nach wie vor den Eindruck, es handle sich um einen Disput zwischen Muslimen und Kopten.
 
All diese Möglichkeiten führen offenbar zu regem Meinungsaustausch und das in unterschiedlichsten Qualitäten. Manchmal auch in Qualitäten, die gebildeten Menschen mit Erziehung oft die Haare zu Berge stehen lassen und oft ist das Niveau des Austausches nicht das, das den eigenen Vorstellungen entspricht. Aber so ist es nun mal und so war es letztlich auch immer. Auch am Wirtshaustisch und auf der Straße herrschten und herrschen andere Umgangstöne als in einem Diskussionsclub. Somit kann man festhalten, dass auch eine gewisse derbe Ausdrucksform kein Spezifikum des Internets ist, sondern eine menschliche Eigenschaft.
 
Was bedeutet das für die Politik?
Es ist vielleicht ein sehr direkt demokratischer Entwicklungsprozess. Zum ersten Mal finden Stimmen einen Weg an die Öffentlichkeit, die ihnen Massenmedien aus unterschiedlichsten Gründen (die auch oftmals berechtigt sind) nicht geben konnten und somit führt kein Weg daran vorbei, sich in einer Vielzahl geäußerten Stimmen zu entziehen oder diese zu ignorieren oder zu bagatellisieren.
 
Es könnte also passieren, dass nicht unsere Politiker mehr die Themen vorgeben, sondern auf die existierenden Themen in einer Bevölkerung reagieren müssen. Und - Hand aufs Herz - was könnte einem Volksvertreter besseres passieren als eine „Frei Haus“ gelieferte Bürgernähe, tausenden Bürgern einzeln „zuhören“ zu können ohne ebenso viele Hände schütteln zu müssen? Die Kehrseite der Medaille: man kann es nur noch schwer ignorieren und es ist auch nicht immer angenehm.
 
Gefahr geht davon nur dann aus, wenn man Angst um die eigene Macht hat, weil man die Vermutung hegt, dass diese Macht nicht gegeben wurde, sondern man sich diese „genommen“ hat.
 
Was bedeutet das für eine Gesellschaft?
Jedenfalls regeren Austausch. Aber vielmehr noch, es bedeutet, dass wir uns alle wieder in unserer Kommunikation disziplinieren müssen, unsere Formen im Ausdruck finden müssen und anhand sehr direkter Reaktionen erkennen können, ob unsere Ausdrucksweise so ankommt, wie wir es auch gemeint haben. Da „das Internet nicht vergisst“ führt all das auch zu einer neuen „Wahrheit“. „Was schert mich mein Geschwätz von gestern“ kann als laisser-fairer Umgang mit momentanen vielleicht heute bequemeren oder zweckdienlicher Wahrheiten wohl nicht mehr dienen.
 
Der Umstand und die aus heutiger Sicht bestehende Gefahr, dass Menschen viel zu viel von sich selbst über Social Media Plattformen preis geben, ihre „Jugendsünden“ oder ihre aktuelle Stimmungslage zu ihrem Vorgesetzten öffentlich zugänglich ist, kann in wenigen Jahren völlig irrelevant werden. Während - wie man lesen kann - heute Vorgesetzte und Headhunter Mitarbeitern in Social Networks „hinterherspionieren“, ist es viellicht nur eine Frage der Zeit, wann diese „Spionage“ völlig wirkungslos wird. Wenn ein vermeintlicher Fehler, offen zu kommunizieren, sich öffentlich zu exhibitionieren, von zu vielen Leuten begangen wird, werden wahrscheinlich auch zukünftige Führungskräfte unter denen zu finden sein, die in ihrer Jugend diesen dokumentierten „Fehler“ begangen haben und wer wird dann wohl den ersten Stein werfen können?
 
Vielleicht führt all das auch wieder zu einem etwas ehrlicheren und menschlicheren Umgang miteinander. Vielleicht beginnen wir wieder das zu sagen, was wir auch meinen. Vielleicht begibt sich zwischenmenschliche Kommunikation wieder auf ein Niveau jenseits der zur proktoligischen Pflichtübung verkommenen und als „diplomatische Ausdrucksweise“ missverstandenen Kommunikation zwischen Menschen und Werte wie „Ehrlichkeit“, „Zivilcourage“ oder „konstruktive aber offene Kritik“ erleben eine Wiedergeburt.
 
Es liegen mehr Chancen als Risiken in diesen Entwicklungen. Die Risiken bestimmen wir selbst. Je nachdem, wie sehr sich jeder einzelne darin üben wird an seinem Kommunikationsstil zu arbeiten, wie viel Respekt man seinem jeweiligen Gegenüber bereit ist, entgegen zu bringen und sicherlich auch, ob man kommuniziert, um sich mitzuteilen oder einfach nur, um „Small Talk“ zu führen.
 
Was bedeutet das für die Wirtschaft?
Jedenfalls eine große Chance, endlich das tun zu können, was bislang aus Mangel an geeigneten Hilfsmitteln nicht möglich war: in Einzelkommunikationen individuell eintreten zu können, ohne Millionen Einzelgespräche führen zu müssen. Ein Fenster in die Welt, in die man immer schon blicken wollte, in die des Marktes und der Kunden. Permanent verfügbare Stimmungsbilder und ein direktes und schnelles Feedback.
 
Es bedeutet aber auch die Chance auf das Wiederfinden von Unternehmenskultur und zwischenmenschlicher Qualität. Die Chance, dass Mitarbeiter wieder „Menschen“ anstatt „Kostenfaktoren“ werden, die Chance, ein Human Ressource Potential im eigenen Unternehmen zu entdecken, zu nutzen und für den einzelnen Mitarbeiter bedeutet es, dass Talente wieder erkannt und gefördert werden können und somit Aufstiegschancen und persönliche Weiterentwicklung (im eigenen Unternehmen oder auch in anderen) in einer breiteren Auswahl zur Verfügung stehen, als jemals zuvor.
 
Menschlichere Arbeitsumfelder bedeuten auch menschlicheres Arbeiten. Menschliches Arbeiten bedeutet das zulassen und salonfähig werden von berechtigten und notwendigen Emotionalitäten (nicht zu verwechseln mit Launen) und dies wiederum führt zu mehr Produktivität. Leistungsbereitschaft und gemeinsamen Erfolg. Nur Menschen, die leidenschaftlich arbeiten, machen ihre Arbeit gut, weil gerne und Leidenschaftlichkeit ist eine unverzichtbare Emotion für die Wirtschaft (nicht zu verwechseln mit Manie).
 
Es wird also an uns allen liegen, was wir aus dem machen, was wir hier geschenkt bekommen haben. Und wenn man ein unverbesserlicher Positivist ist (da ist man noch lange kein Träumer, Realitätsverweigerer oder Idealist), dann hat all das definitiv mehr Chancen als Risiken.
 
Zukunft ist das, was wir daraus machen. Die Betonung liegt auf „MACHEN“, denn Zukunft passiert auch ohne uns.



(Autor: Roland Ernst Nikitsch

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