ORF - ein Dampfer in Seenot

06.02.2011 17:15:00 (Kommentare: 0)

Als ob die Zeiten nicht schon schwer genug wären. Eine Institution übt sich in konsequenter Selbstdemontage.

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Manchmal ist Kabarett schon fast zu nahe an der Realität.

Als Kenner des Hauses tut es in der Seele weh, wenn man die letzten Jahre einer Institution mitverfolgen musste, die schlicht weg nicht anders zu beschreiben sind als mit dem Titel einer Filmlegende: „Denn sie wissen nicht, was sie tun.“ 

Nur leider spielen in diesem „Streifen“ weniger talentierte Hauptdarsteller, leider ist auch die Regie (Österreichs Innenpolitk) nicht oskarverdächtig und die Stimmung im Haus (unter den Mitarbeitern) kann mit einem weiteren Titel eines Filmklassiker nicht besser beschrieben werden als „Spiel mir das Lied vom Tod.“
 
Der ORF war immer schon Objekt der Begierde der österreichischen Innenpolitik, er war immer schon „Reibebaum“ für den VÖZ und er war immer schon ein Pool der Emotionen, sowohl von positiven, wie auch von negativen, die dieser Institution, oft auch zu Recht, entgegengebracht wurden.
 
Sachliche Diskussionen zum Thema „ORF“ sind in diesem Land nicht mehr möglich. Wie sollte das auch möglich sein, wenn objektive Beurteilungen nicht gewünscht sind, sachliche Kritik von innen und aussen abgeschmettert werden, oder solche Auseinandersetzungen mit dem Thema „ORF“ - wie all zu oft - politisch dafür missbraucht werden, irgendwelchen „personellen“ Begehrlichkeiten im ORF zur Durchsetzung verhelfen zu wollen.
 
Der ORF ist zum „Faustpfand“ von an ihm selbst und an dem Thema „Medienpolitik“ völlig desinteressierten Politikern geworden, für die ein öffentlich rechtlicher Rundfunk immer nur dann zu existieren scheint, wenn man eigene Kommunikationsinteressen durchgesetzt sehen will (z.B. bei Wahlen) oder dieses wunderbare Haus zur Minimundus-Teststrecke für Mehrheitsverhältnisse im Nationalrat benutzen will. Diesen Eindruck muss man zwangsläufig bekommen, wenn man als keiner österreichischen politischen Partei angehöriger Medienmensch diese infantilen in der Sache völlig sinnlosen und kontraproduktiven Ränkespiele beobachten muss.
 
Der aktuelle Anlass für diesen Beitrag ist der heute im Etat.at erschienene Artikel mit dem Titel: „Einflussnahme der Politik im ORF so massiv wie nie zuvor“.
 
ORF-Programmdirektor Wolfgang Lorenz beglückt uns mit Weisheiten und mit einem neuen „Sager“ (man erinnere sich an seine letzte niveauvolle Wortspende: „Scheiss Internet“), der abermals dem Niveau eines Direktors der öffentlich rechtlichen Rundfunkanstalt ebenso wenig entsprechen kann, wie sein letzter. („Bacher solle zum ORF die Klappe halten“ - im selben Artikel).
 
Wenn man also zur Erkenntnis kommen möchte, dass der Titel dieser Etat.at Geschichte der Realität entspricht, dann kommt man aber leider auch gleichzeitiger Weise nicht umhin fest zu stellen, dass mit dieser Erkenntnis eine zweite Erkenntnis untrennbar einher gehen muss, nämlich: das diesbezügliche Versagen der ORF-Führung.
 
Wenn etwas noch nie „so schlimm“ war wie heute, bedeutet das zwingend das Eingeständnis, dass es „früher“ wohl  „besser“ gewesen sei und in so fern widerspricht sich Herr Lorenz dann leider selbst, denn so falsch und so schlecht wird wohl Bachers Führungsstil nicht gewesen sein können, wenn er sich an diesen (diesen ja selbst miterlebt habend) positiv zurück erinnert.
 
Man könnte diesen Artikel im Etat.at nun breit und tief, Stück für Stück analysieren um den Beweis anzutreten, dass sich die ORF-Führung schon intern nicht einig ist, geschweige denn ein „Führungsteam“ bildet und der Herr Direktor „A“ dem Herrn Direktor „B“ über andere Medien ausrichten lässt, wie gut oder schlecht der jeweils andere seinen Job mache.
 
Strobl hin, Strobl her. Zwei Dinge kann man erkennen, wenn man will: erstens, der „Abgang“ von Pius Strobl hat (wie man aus diesem Artikel unschwer erkennen kann) keinen Millimeter zum besseren Verständnis und zur besseren Zusammenarbeit der ORF-Geschäftsführung beigetragen und zweitens: es scheinen sich wieder einmal alle „in Stellung“ zu bringen, denn immerhin hat der „Wahlkampf“ um die begehrten ORF-Posten bereits begonnen.
 
Und das bringt mich zum nächsten Punkt, mit dem dieses leidige Thema „Einflussnahme der Politik auf den ORF“ kurz und bündig abgehandelt sein kann:
Es beleidigt die Intelligenz jedes Österreichers, wenn ein ORF-Direktor (und hier ist völlig egal welcher und völlig egal ob amtierend oder nicht) sich über die Versuche der Einflussnahme der österreichischen Politik auf den ORF beklagt, wenn wir doch alle wissen, dass man ORF-Direktor nicht wegen der eigenen Qualifikation, sondern ausschließlich auf Grund politsicher „Einschätzbarkeit“ und ebensolcher Kontakte werden kann. An dieser Stelle sei Herr Bacher noch einmal erwähnt. Was Gerd Bacher geleistet hat - der im übrigen als bisher einziger in der Geschichte des ORF zweimal die Generalsposition bekleidet hatte und dies durch „Wahl“ und nicht durch „Putsch“ - liessen seine Nachfolger (Gerhard Zeiler sei hier auch ausgenommen) vermissen: den weitgehendsten „Schutz“ des Hauses und seiner Mitarbeiter vor genau solchen Einflussnahmeversuchen.
 
Es ist seltsam still um den amtierenden General geworden, seit Strobl das Haus verlassen hat. „Superalex“ tritt nicht mehr im eigenen Programm auf, „Superalex“ meldet sich kaum mehr in einschlägigen Fachmedien zu Wort und überlässt das Kommunikationsfeld scheinbar anderen Kollegen. Denn: „Reden ist Silber“ und „Schweigen ist Gold“ in Zeiten der Vorbereitung zur Neuvergabe der begehrten Direktionsposten wie jeder „ORF-Wahlkampferfahrene“ weiss.
 
Zurück zum ORF, denn mit dem „Führungspersonal“ beschäftigen sich ohnehin diejenigen, die darüber letztlich auch entscheiden.
 
Viel wichtiger als das „Personalthema“ erscheint der ORF selbst. Denn wer oder was ist „der ORF“? Ein Stück Österreich jedenfalls. Ein Stück eigener Identität für viele und ein Stück individueller Lebensgeschichte, Jugenderinnerung und vielleicht auch immer noch ein Stück „Heimat“ im „globalen Dschungel“ der Programmvielfalt im eigenen Wohnzimmer. Wer weiss. Für zu viele aber, und vor allem für heute junge Menschen ist der ORF weitgehend verzicht- und austauschbar geworden. Und das ist wohl der größte Vorwurf, den man einer ORF-Führung machen kann.
 
Die Zukunft des ORF sieht nicht gut aus, wenn es sie überhaupt noch gibt. Jede Rechtfertigung für eine Öffentlich Rechtliche Rundfunkanstalt stellt er selbst täglich in Frage. Danken kann dieses Haus seinen Mitarbeitern die - und das muss man wohl oder übel heute erkennen - scheinbar aus Eigeninitiative und gegen alle Hindernisse mit denen sie in ihrer täglichen Arbeit konfrontiert werden - jeden Tag „ORF machen“ während man den Eindruck gewinnt, dass das „Management“ sich in lustigen Sandkastenspielen ergeht und sich um bunte Schauferln und Küberln streitet.
 
Vielleicht muss ein Thema „ORF“ auch gar nicht mehr diskutiert werden. Vielleicht erledigt es sich von selbst, denn die Baufälligkeit scheint sich weniger auf den Küniglberg zu beziehen, als vielmehr auf die „Idee ORF“ und die „Idee der Öffentlich Rechtlichkeit“.
 
Der scheinbare Zustand des Haues ORF:
Mitarbeiter die so gut sie können in „Deckung“ gehen, um irgendwie noch ihre Arbeit machen zu können.
Ein General, der alles am liebsten selbst wäre, ein GRÖGAZ, bester CFO, bester Infodirektor, bester Programmdirektor, bester technischer Direktor, ein echter Dancing Star eben.
Ein Programmdirektor, der sich in modernem philosophischen Ausdruckstanz übt.
Ein kaufmännischer Direktor, der, wie man hört, lieber Programmdirektor wäre, also „CFO wider Willen“.
Ein Betriebsrat der technischen Mitarbeiter - also Vertreter der Personalinteressen - der nun zum „interimistischen“ Technikdirektor wurde und jetzt Arbeitnehmer- wie Arbeitgeberinteressen vertreten kann - spannend eigentlich.
Ein Onlinedirektor, der lieber Generaldirektor wäre und wahrscheinlich nur Onlinedirektor ist, weil das der einzige freie Direktorenposten mit Direktorengehalt war, der als „Dankeschön“ für die Unterstützung einer „Regenbogenkoalition“ zur Verfügung stand, aber „Hauptsache Direktor“ scheint hier das Motto zu sein.
 
Tja, wie gesagt - die Beleidigung der Intelligenz. Jeder Österreicher weiss, dass dieses Haus schon lange nicht mehr „die Besten“ ins Direktorium gesetzt bekommt, sondern eben - ja was eigentlich? - naja - eben anders.
 
Jedenfalls ist all das, was man miterleben (muss) darf, alles andere als einem ORF und einer Öffentlich Rechtlichen Rundfunkanstalt würdig. Die aktuelle „Kultur“, mit der das Thema ORF behandelt wird, das aktuelle Niveau, auf dem das Thema behandelt wird, tut weder einem ORF gut, noch seinen Mitarbeitern, noch der Zukunft dieses Hauses.
 
Als Freund der Idee „ORF“ wünsche ich mir, es mögen sich in Zukunft (sofern diese Idee „ORF“ eine Zukunft haben soll) verantwortungsvollere Menschen dieses Themas annehmen. Und ein Gerhard Zeiler würde diesem Thema sehr, sehr gut tun (aber Weihnachten ist ja bekanntlich erst am 24.12.).
 

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