Tageszeitungen im Wandel - Controlling vs. Kreativität

03.12.2010 23:53:00 (Kommentare: 0)

Der Qualitätsverlust im Tageszeitungsgeschäft

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Der Qualitätsverlust im Tageszeitungsgeschäft

Oder: von Erbsenzählern, Buchhaltungspicassos und Kontrollfreaks. 

Wenn amorphe Eigentümerstrukturen managementgetriebene Selbstbedienungsläden nahezu erzwingen und der Manager 2.0 sich dadurch auszeichnet, durch defensive und innovationsfeindliche Maßnahmen EBITDAs zu generieren, um unverschämte Boni in Anspruch zu nehmen, dann wird Nachhaltigkeit und Wertstabilität wohl auf der Strecke bleiben müssen.
 
„So lange noch niemand die Maschine erfunden hat, in die man oben einen Euro hineinwirft, in der Mitte drei Knöpfe drückt und unten, beim Auswurfschlitz eine Tageszeitung mit dem Aufmacher des Tages, der Headline, die die Welt - oder das Land - bewegt und der Aufdeckergeschichte des Jahrzehnts raus kommt - so lange wird man damit leben müssen, dass Medien das wahrscheinlich personalintensivste Geschäft unserer Wirtschaft bleiben wird!“
 
Doch die Zahl des Personals alleine macht noch keine Qualität.
 
Eigenschaften - über die man heute - seit dem es den „Magister FH“ wahrscheinlich schon für Raumpflege und den Master und Bachelor lokales Entsorgungsmanagement (Müllabfuhr) gibt und der „Halbkreisingenieur“ unsere Straßen fegt ist ein Fetzen Papier, auf der das Ablegen einer oder mehrerer Prüfungen die durch Auswendiglernen aber keinesfalls durch Verstehen oder praktische Anwendungserfahrung vergeben werden als „Garantie“ wichtiger als Talent.
 
Stichwort: Facility Manager (Hausmeister mit Schlips)
 
Und ohne Talent keine Medien, kein Erfolg. Talent kann man nicht lernen. Leider. Talent kann man nicht prüfen, leider. Talent zeigt sich ausschließlich durch Erfolg - also in der Praxis umgesetzte Taten.
 
Dazu muss man aber auch „tun“. Ein Freund, leidenschaftlicher Klavierspieler, erzählte mir, sein Traum war es immer, Konzertpianist zu werden. An Leidenschaft und Liebe fehlte es ihm nie, aber an Talent. Lauscht man seinem Spiel, so kann man sagen, es ist technisch perfekt. Daher aber leider klinisch sauber und irgendwie maschinell anmutend. Also nicht das, was Musik sein sollte, wenn sie begeistern soll. Es ist das Talent, das zur Interpretation verleitet und das besondere Erlebnis ausmacht.
 
Er besuchte das Konservatorium, aber, weil er ein selbstreflektierter und intelligenter Mensch ist, bekleidete er eine zweite Ausbildung, deren Thema ihn ebenso leidenschaftlich faszinierte wie das Klavierspiel: die Juristerei.
 
Ich bin heute froh, einen Freund zu haben, der wahrscheinlich einer der hervorragensten Wirtschaftsanwälte dieses Landes ist, der mit Leidenschaft, Talent und aus Berufung seine Anwaltei erfolgreich betreibt und nicht einen Freund, der an seiner völligen Talentfreiheit als unbekannter und ungebuchter und ungehörter Konzertpianist verzweifelt.
 
Und so kommt es, dass ich ab und zu - nach einigen guten Remelluri, Grappa tut es auch - wahrscheinlich mehr aus Freundschaft als aus Begeisterung seinem Klavierspiel lausche. Aber wir beide wissen immer, dass es sich hierbei nur um ein Hobby handelt. (Anmerkung: Seine Fotografien sind im übrigen hervorragend, telantbeseelt und unglaublich schön - das aber - ist autodidakt und schon alleine deshalb großartig).
 
Was hat das alles mit dem Tageszeitungsgeschäft zu tun? Alles! Wie auch mit jeder Form des Mediengeschäftes!
 
Wir sprachen eingangs von unseren Erbsenzählern, Finanzalchemisten und Bilanzakrobaten.
 
Selbige hielten wie erwähnt Einzug in die Managementetagen der Medienunternehmen und wurden mächtiger, als es ihrer Berufsgruppe und ihrem Talent zustünde. Das Resultat: alles, was nicht in ein Excel Sheet passt, existiert nicht als Größe.
 
So kam es, dass Menschen dieser Ausprägung nicht verstanden, warum der eine oder andere Chefredakteur einer Tageszeitung, eines Magazins - aus ihrer Sicht - horrende Gehälter bezogen, wobei diese lediglich einen geringen Anteil an der „Blattbefüllung“ hatten und hingegen die billigeren Redakteure, die wahrscheinlich 90% der Blattbefüllung bestritten, mit weitaus geringeren Gagen zufrieden zu sein schienen.
 
Dass aber das „Blatt“ nicht wegen seiner Umfeldberichte, Füller und - das sei nicht falsch verstanden - ebenso notwendigen Begleitberichterstattung gekauft, abonniert oder begehrt wird, das war und ist den Herrschaften bis heute nicht beizubringen.
 
Also taten sie das, was jeder brave Erbsenzähler tut: man sparte an den teuren Gagen, an den Auflagengeneratoren, an denen, die die Medienmarke trugen und die Medienmarke produzierten. Ersetzt wurden diese durch weniger talentierte „Befüller“, im schlimmsten aller Fälle machte sich ein Erbsenzähler oder selbsterfundener Maketier gleich selbst zum Herausgeber.
 
Das Gespür, Talent und vor allem das über meist Jahrzehnte aufgebaute Netzwerk von Journalisten, ihr Wissen, Ethos und Ruf jederzeit zu wissen, wann man was veröffentlich und wann nicht, wo die Grenzen zwischen Vertuschung und geflissentlichem Übergehen liegen, die Erfahrung und die vielen Gespräche, die es zu führen gilt, das breite Interesse und Engagement in den unterschiedlichsten Themengebieten und dennoch enorme Spezialisierung um die Breite, die Folgen und die Vielschichtigkeit von Sachverhalten erkennen und verstehen zu können - all das kann man nicht lernen, wenn man keinen Lehrer hat, wenn man kein Talent hat und wenn man nicht Jahre oder Jahrzehnte lange Erfahrung sammelt.
 
Das sind auch die „Skills“ - um wieder einen so unnötigen Anglizismus zu strapazieren, dessen muttersprachliche Variante (Talent / Gespür / Fähigkeit) durch die Nutzung dieser englischen Variante nicht nur aus unserem Sprachgebrauch sondern gleich aus unserer Gesellschaft als Wert verschwindet -die man in diesem Geschäft benötigt, ebenso rar sind wie sie gefragt sein sollten und die eben in kein Excel Sheet passen.
 
Fazit: Schlechtes Personal führt zu schlechtem Produkt, schlechtes Produkt führt zu schwindender Akzeptanz beim Kunden, schwindende Akzeptanz beim Kunden führt zu Auflagen-, Reichweiten-, Marktanteils- und Umsatzrückgang.
 
Copy & Paste Journalismus und APA/Reuters Berichterstattungen haben unsere Printprodukte uninteressant gemacht und die Medienmarken zerstört.
 
Ergo: Welcher Qualitätsjournalismus findet sich denn heute bitteschön im Print, den ich nicht auch in der Onlineausgabe finde?
 
Heute - nicht zuletzt durch die Rechercheersparnis durch Verlinkungsmöglichkeiten - sind Online Berichte oft schon tiefgründiger und qualitativ hochwertiger als ihre Pendants im Print, auch wenn auf die Werke dritter (durch Verlinkung mit den Quellen) zurückgegriffen wird.
 
Ein weiterer nicht zu unterschätzender Faktor des Qualitätsverlustes im Journalismus ist die in den letzten Jahren verstärkt zugenommene Einflussnahme und Verflechtung von und durch Politik, Wirtschaft und der Finanzdienstleistungsbranche. Die Abhängigkeit der Medien von Anzeigen, politischem Wohlwollen (Stichwort: Presseförderung) und dadurch auch von Finanzierungsbereitstellungen durch Finanzinstitute hat die Unabhängigkeit und somit die Qualität und die Akzeptanz durch den Konsumenten nicht gerade gefördert.
 
Der allgemeine Werteverlust unserer Gesellschaft macht es Journalistenkollegen aber auch nicht all zu schwer die Entscheidung zwischen Joberhalt, respektive Gefährdung durch Aufdeckerjournalismus oder kritischen Jorunalismus zu treffen.
 
Die aktuellsten Beispiele (Wikileaks) von der Art des Umgangs unserer Gesellschaft mit der Veröffentlichung „geheimer“ Dokumente spricht Bände. Ist das unser neues Verständnis von Demokratie? Oder eine Machtdemonstration einer politischen Kaste, deren Umgang mit der Öffentlichkeit nicht einmal Kurfürsten der Monarchie gewagt hätten?
 
„Shareholder Value-“ und „Return on Investment Fetischismus“ geben dieser Idee von unabhängigem Journalismus den Rest.
 
Ist Italien unser Vorbild?
 
Entertainment und Gleichschaltung aller Medien anstatt gelebter Demokratie, die anstelle des Volkes den Politiker zum Souverän macht? Eine der empfehlenswertesten Dokumentationen der letzten Jahre zu diesem Thema: Videocracy
 
Es wäre wünschenswert, wenn diese Dokumentation zur Gänze online verfügbar wäre und somit einer breiteren Öffentlichkeit entsprechend unserer Zeit zur Verfügung stünde.
 

Credits Video: Dr. Werner Stauffacher, Medien- und Wirtschaftsjurist, Schweiz

 

mehr im nächsten Teil


(Autor: Roland Ernst Nikitsch)

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