Tageszeitungen im Wandel - Journalismus im Wandel

06.12.2010 11:45:00 (Kommentare: 0)

Die Gegenwart von Tageszeitungen und anderen periodischen Druckwerken

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Heute stehen Tageszeitungen und periodische Druckwerke - wie auch alle anderen Ausprägungen unserer Medienlandschaft (diesen widmen wir einen gesonderten Teil) - vor den wahrscheinlich größten Veränderungen in ihrer Geschäftsmodellgeschichte.
 
Diesmal aber nicht aus eigenem Antrieb, sondern als Getriebene.
 
Die Veränderungen sind spürbar geworden und zwingen die Verlagshäuser zu raschem Handeln. Ob man will, oder nicht. Die Entwicklungen, sowohl was die Veränderung des Konsumentenverhaltens betrifft, wie auch die Veränderungen, die neue Technik und Technologie und deren Verbreitung in Privathaushalten mit sich brachte, und nicht zuletzt die daraus resultierenden notwenigen Veränderungen der eigenen Workflowprozesse der letzten zehn Jahre wurden von den meisten Verlagshäusern schlicht weg ignoriert.
 
Heute erscheinen diese notwenigen Veränderungen den meisten Medienmanagern als „Revolution“. Tatsächlich aber war es eine Evolution, die der Markt seit mehr als zehn Jahren durchmacht. Nur die Verlagshäuser haben daran nicht teil genommen. Leider.
 
Umso gewaltsamer erscheinen die nunmehr kurzfristig zu treffenden Maßnahmen um die eigenen Strukturen, Angebote und Qualität aufrecht zu erhalten, die für einen erfolgreichen Fortbestand nötig sind.
 
Man hat also die eigenen Entwicklungen durch Ignoranz verschlafen.
 
Woher kam diese Ignoranz?
 
Die Lehren, die man aus dem Zusammenbruch der Interneteuphorie gezogen hatte, waren die falschen, aber sie waren bequem, da sie es erlaubten wieder da zu tun, was man seit hundert Jahren tat.
 
Ein wundervoller Zustand für jeden Menschen, denn Anpassung erfolgt in der Menschheitsgeschichte nur dann, wenn ein brutaler Überlebenszwang auf den Menschen zukommt. In weiser Voraussicht hat historisch noch nie ein Mensch gehandelt und wenn doch, dann handelte es sich um Zufallshandlungen, die dann in der Ex-Post-Betrachtung als Weisheit und Weitsichtigkeit verkauft wurden.
 
Das Umfeld und der allgemeine psychologische Schock erlaubten eine zehnjährige „Vogel Strauß Politik“. Der Kopf steckte aber zu lange im Sand und führte zu Mangelerscheinungen im restlichen Vogelkörper.
 
Denn wer den Kopf im Sand hat, kann nicht essen und wer nicht essen kann, wird schwach und mager.
 
Für die „altehrwürdigen“ Printjournalisten und Redakteure war jeder Mitarbeiter der Online-Redaktion lediglich ein „Redakteur zweiter Klasse“. Das liess man diese auch spüren und nicht zuletzt manifestierte man die Wertlosigkeit dieser Tätigkeit oft auch in der räumlichen Ansiedelung der Online-Redaktionen in den unterst möglichen Geschossen der Gebäude - ab in die Garage, oder in den Keller! - wo sie meist bis heute residieren.
 
Man könnte aber auch mutmaßen, dass dies zu besserer Bodenhaftung geführt hat.
 
Eine Folge aus dieser „zwei Klassen Gesellschaft“ - die sich im übrigen auch in der Entlohnung ausdrückt - war, dass die jungen (gar nicht einmal so schlecht einschlägig gebildeten) Redakteure und Journalisten keinerlei Führung durch erfahrene Kollegen bekamen. Aus diesem Umstand ist ihnen wohl kein Vorwurf daraus zu machen, dass sie weder Erfahrung sammeln konnten, noch recherchieren gelernt haben und sich zwangsläufig daraus in den Kellergeschossen der Verlagshäuser eine völlig neue, andere Form des Journalismus und dessen Verständnisses gebildet hatte.
 
Diese Form wurde hauptsächlich durch das Netz geprägt, dessen Möglichkeiten, Kommunikationsformen und dessen offenen Informationszugang - ohne Wertung der Informationsqualität.
 
Der Zugang zu Information, sowohl technisch als auch mental, ist ein völlig anderer geworden. Das Selbstverständnis der Selektionsaufgabe und Bewertungsaufgabe von Information durch den Journalisten steht bei dieser Generation der Redaktion nicht mehr im Vordergrund oder Mittelpunkt. Die Bereitstellung und die Überantwortung der Beurteilung nach „wahr oder unwahr“, „echt oder unecht“, „wertvoll oder Schrott“ wird von dieser Generation, frei nach dem Netz-Ethos, dem User überlassen. Ziel ist die möglichst rasche, unkomplizierte und vor allem ungefilterte und frei zugängliche Bereitstellung von Information.
 
Der User (wie man den Medienkonsumenten heute nennen muss) ist also sich selbst überlassen und wird als „mündig“ und ausreichend kompetent von den Online-Redaktionen erachtet.
 
Das Credo: Information findet ihren Weg, auch ohne Kommentar und Selektion.
 
Ob das gut ist, oder schlecht, verantwortungsvoll, oder verantwortungslos - sei dahin gestellt. Diese Entwicklung hat unbeachtet durch die „ehrwürdigen“ Journalisten stattgefunden und ist heute die neue Realität. Wem das nicht gefällt, der hätte sich vor zehn Jahren darum kümmern müssen ethische Grundsätze auch jungen Mitarbeitern beizubringen und diese zu schulen und zu führen. Heute ist es dafür zu spät. Eine neue Form des Journalismus ist geboren und bereits über die Pubertät hinaus auf dem Weg zur Adoleszenz.
 
Wikileaks und die Diskussionen darum zeigen uns auf, wie groß der Generationsunterschied zwischen dem „alten Journalismus“ und der neuen Version davon ist und - vielmehr - wie sich das Verständnis dazu in der Bevölkerung darstellt.
 
Welche Aufgabe ein Journalist heute hat ist somit nicht mehr diskutabel, denn dessen Aufgabe ist bereits definiert, Wer sie nicht erfüllt, schreibt und produziert am Konsumenten vorbei. Das ist Fakt. (und auch hier handelt es sich lediglich um eine Feststellung und nicht um eine Wertung).
 
Was bedeutet das nun ökonomisch für eine Tageszeitung, oder ein Magazin?
Video Credits: Ein Tag aus dem Arbeitsalltag eines APA Video Journalisten
 


(Autor: Roland Ernst Nikitsch

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