Tageszeitungen im Wandel - vom „IST“ zum „SOLL“

30.12.2010 09:08:00 (Kommentare: 0)

Die Voraussetzungen

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Als aller erster und wichtigster Ansatz muss Denken und „Laut“ Denken wieder erlaubt sein und eine schonungslose Analyse der „IST“-Situation ausgesprochen werden dürfen, ohne, dass Eitelkeiten oder Image zu „wahren“ sind.

 
Der zweite wesentliche Grundsatz, um zu einem oder zu mehreren möglichen Ergebnissen zu kommen ist, dass man sich wieder den „Luxus“ leisten muss, regelmäßige Arbeitskreise unter Beiziehung externer Experten zu installieren, denn eines der augenscheinlichsten Probleme für nicht in den Unternehmen integrierte Beobachter ist, dass KEIN Austausch mehr mit der Aussenwelt stattfindet und die „Betriebsblindheit“ so weit fortgeschritten ist, dass sinnvolle Lösungsansätze alleine nicht mehr gefunden werden können.
 
Dies kann auch an der Arbeitsüberlastung und der daraus resultierenden mangelnden Zeit resultieren, die es internen Mitarbeitern und Führungskräften keinerlei Möglichkeiten mehr lässt, über mehr als das akute Tagesgeschäft nachzudenken.
 
Es kann aber auch daran liegen, dass man Prozesse „überadministriert“ und somit zu viel Potential im Verwalten und Administrieren verschwendet wird, als in produktiver und innovativer Tätigkeit.
 
Dies wird sich von Verlag zu Verlag wohl unterscheiden.
 
Und das wahrscheinlich heute wesentlichste: es muss die Bereitschaft zur Investition vorhanden sein, dass dies auch mit Kosten verbunden ist.
 
Die (bitteren) Tatsachen:
Das Geschäft Tageszeitung ist - wie wir es heute kennen - innerhalb der nächsten 10 Jahre (wahrscheinlich schon früher) ökonomisch nicht mehr lebensfähig.
 
Die derzeitigen Online- und Mobilvarianten sind noch meilenweit von der Kompensation der derzeitigen Einnahmenverluste entfernt und werden dies auch - sofern man die Produkte und Leistungen beibehält - in absehbarer Zeit bleiben.
 
Paid Content ist nicht!
Diesen „feuchten“ Traum, der bereits seit 2001 ausgeträumt ist, sollte man endlich begraben. Tatsache ist: Es wird nicht bezahlt werden. Jedenfalls nicht in einem so substantiellen Ausmaß, dass es auch nur irgend eine relevante Größe bei der Deckung der Kosten spielen würde.
 
Paid Content = Reichweitenverlust = Refinanzierungsverlust (noch weniger Werbeerlöse)
 
Es wird immer eine „Gratis-Alternative“ geben, und sei es vom größten Mitbewerber, der darin seine Chance sieht.
 
Aus den derzeitigen Online-Tarifen ist gar kein Medium finanzierbar.
 
Text & Bild reicht in Zukunft nicht mehr.
 
iPad, iPhone & Co sind nur der Anfang - spätestens ab 2013 heisst es dann „iTV“ (stellvertrentend für Internet am TV Schirm im Wohnzimmer) und da ist schlicht weg ohne Bewegtbild nichts mehr zu machen.
 
Warum?
Probieren Sie es selbst aus, stecken Sie Ihren Laptop an Ihren Faltscreen im Wohnzimmer an und lesen sie dort die Online-Tageszeitung „Ihres Vertrauens“, oder die, die Sie selbst produzieren.
 
Sie werden feststellen: Das ist fad, unbequemer als am PC, nervt Ihre Mitbewohner und ist schlicht weg einfach völlig gegen jede Nutzungsgewohnheit.
 
In jedem Fall kostet die Verlage die Zukunft mehr Investition und mehr Umstellung als jeden anderen Medienbetrieb. Umstellung aber auch im Sinne der Arbeitsprozesse, des Selbstverständnissses und der Aufgabe, die eine „Tageszeitung 3.0“ in Zukunft zu erfüllen hat, um weiter Kundschaft zu haben.
 
Die größte Umstellung wird aber die mentale Anforderung an alle am Produktionsprozess Beteiligten sein. Das, wofür die Tageszeitung einst stand, wird umdefiniert werden müssen. Wie sich die Tageszeitung bisher sah, wird völlig anders sein. Damit wird man kulturell leben müssen.
 
Erst wenn die Bereitschaft in einem Tageszeitungsverlag besteht, sich neu zu erfinden, wird eine Transformation gelingen und die Zukunft nicht nur gesichert sondern auch rosig sein.
 
Am schlimmsten wird dies in ihrer kulturellen Selbstdefinition die Journalisten und Redakteure treffen. Es hat sie schon getroffen, es wird nur aktuell jede Realität verweigert und - was noch viel schlimmer ist - die Frage nach dem eigenen Überleben und der eigenen Daseinsberechtigung an die Medienkaufleute delegiert.
 
Das derzeitige Resultat dieses Delegierens: Einsparungen wohin das Auge reicht. Eine defensive Überlebensstrategie, die nur dann aufgehen kann, wenn es etwas zu „Überstehen“ oder „auszusitzen“ gäbe. Realität ist aber, dass nichts zu „überstehen und „auszusitzen“ ist, denn die Zukunft ist gekommen, um zu bleiben.
 
Und so führt diese Strategie (Vogelstrauß-Politik) dazu, dass der Organismus „Tageszeitung“ immer schwächer wird, sein Immunsystem geschwächt wird, er unter fortschreitenden Gewichtsverlust leidet und die zum Organversagen führt.
 
Die bittere Pille gleich vorweg:
Also - so bitter es ist, so schwer dies in einer Zeit wie heute zu sein scheint - erfolgreiches Überleben, erfolgreiches Anpassen und erfolgreiches Reüssieren ist zwingend mit gravierenden Veränderungen verbunden, die auch substantielle Summen kosten werden. Gemessen an den nötigen finanziellen Mitteln, die heute notwendig sind, kann man sagen: es ist völlig egal, ob man diese Summen heute dafür ausgibt, eine Zukunft zu gestalten, deren Gestaltung diese Mittel innerhalb der kommenden fünf Jahre völlig aufbrauchen wird - ohne Garantie auf Erfolg, oder ob man die selbe Summe darauf verschwendet, das eigene Sterben auf zehn Jahre zu verlängern und danach mit dem selben finanzellen Einsatz, dem Aufbrauchen aller Mittel, ohne jede Chance auf Einnahmen, sich selbst zu begraben, weil man sich das Begräbnis durch Dritte auch schon nicht mehr leisten kann.
 

Tageszeitungen brauchen wahrscheinlich am meisten Mut. Ihre Manager und Eigentümer müssen heute die unbeliebteste Entscheidung treffen, eine unternehmerische: Investieren und Riskieren, oder .... Endlosschleife. siehe oben!

Video Credits: Clay Shirky über die Medienkrise Handelsblatt-interview mit Web-Vordenker und NYU-Professor Clay Shirky am Rande der Cebit 2009





(Autor: Roland Ernst Nikitsch)

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