Trolle, E-Stalking & Social Media - Theorie zur Ursache

31.07.2011 15:14:00 (Kommentare: 0)

Ein Phänomen des Netzes, oder ein Hinweis auf gesellschaftliche Probleme?

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                                                                      Sascha Lobo: Vortrag re:publica April 2011, Berlin

Begriffsdefinition (Quelle Wikipedia):
"Der Begriff Troll wird in der Netzkultur für eine Person verwendet, die mit ihren Beiträgen in Diskussionen oder Foren unter Umständen stark provoziert. Mutmaßliches Ziel des Trolls ist das Stören der ursprünglich an einem Sachthema orientierten Kommunikation und das Erlangen von Aufmerksamkeit." 

Etymologie (Quelle Wikipedia): 
"Häufig wird das Wort Trolling von der englischen Bezeichnung “trolling with bait” hergeleitet. Diese bezeichnet eine bestimmte Technik des Fischens mit einer Schleppangel, die langsam von einem fahrenden Boot durch das Wasser gezogen wird. In der Netzkultur hat das Wort durch die Analogie zu dem metaphorischen „Ködern“ der anderen Diskussionsteilnehmer Einzug gefunden.[2]

Zum ersten Mal trat das Wort in diesem Zusammenhang 1990 auf; es wurde in der Newsgroup alt.folklore.urban in dem Satz “trolling for newbies” benutzt.[2]"

Aus aktuellem Anlass:
Aus welchen aktuellen Gründen auch immer sich in den letzten Monaten viele mit dem vermeintlichen Phänomen des Trollens, oder der Trolle, beschäftigen; Tatsache ist - es scheint zu beschäftigen und ausreichend Präsenz zu haben um darüber öffentlich zu diskutieren.

Der Vortrag von Sascha Lobo (siehe Video oben) ist aus vielen Gründen sehenswert und bemerkenswert. Ich bin mir nicht sicher, ob ich diesen Vortrag aufgrund meiner eigenen Vorleibe zu Humor, Sarkasmus, Ironie, Liebe zur Sprache und Kommunikation und mehr oder weniger feinen "Spitzen" richtig interpretiere oder völlig falsch liege und der Vortrag eigentlich auch - bei objektiver Betrachtung - als ungeheuerliche Frechheit (u.A. dem Auditorium gegenüber) empfunden werden kann.

Da mir aber keinerlei negative Repliken darauf bekannt sind, gehe ich davon aus, dass meine persönliche Interpretation nicht ganz falsch sein wird. Und deshalb: Gratulation.

Was mich auch noch zu diesem Artikel bewegt ist eine - ob bewusst oder unbewusst - relativ intim gehaltene Twitter Konversation gestern zu später Stunde zwischen Armin Wolf, Birgit Riegler und Andreas Proschofsky.

Als sporadischer "Tweeter", mehr passiv als aktiv nutzend, unternahm ich aus Interesse den naiven Versuch, in diese Diskussion mit einzusteigen, da ich sie für sehr interessant hielt.

Als höflicher und gut erzogener Mensch zieht man sich zurück, wenn man "höflich ignoriert" wird und stellt fest: "Alter, dein Input ist hier nicht erwünscht! Wir diskutieren hier auf Expertenniveau unter Vollprofi-Journalisten. Also mach das, was Du als Medien-Konsummerl tun sollst: watch us, admire us and keep your mouth shut!" 

Das ist jedenfalls das, was für mich kommuniziert wurde und - als braves "Konsummerl" - tut man das dann auch.
Missverständis ncht ausgeschlossen, jedoch nachvollziehbar für jeden mit Kinderstube.

Und da wären wir schon beim Thema: Trolling.

War ich nun ein Troller? Habe ich hier gestalkt? Ganz ohne Absicht?

Natürlich nicht.

Im Gegenteil. Ich hatte nur vergessen, dass Menschen, im Brotberuf in Broadcastmedien und den Rückkanal nicht gewohnt, sich aus - wahrscheinlich - Modegründen ins Social Network Twitter begeben haben, um dort eine weitere Bühne der Eitelkeiten zu nutzen.

Vielleicht irre ich mich auch und tue hier Unrecht. Egal. Wesentlich für mich ist eine ganz andere Überlegung, die mir beim weiteren Verfolgen der Twitter Konversation durch den Kopf ging: Ich dachte, ich nutzte dieses Medium um in eine, für mich persönlich interessant erscheinende Diskussion mit intelligenten Menschen einzusteigen. Erkannte jedoch sofort, es besteht kein Bedarf an Austausch jenseits des erlesenen "Zirkels" und nahm das auch respektvoll zur Kenntnis.

Ich fragte mich aber, was denn wäre, wenn ein Bürger, ein Seher oder Leser, nun diese Gelegenheit wahrnehmen hätte wollen. Die Chance mit seinen "Stars" des Jorunalismus (ich unterstelle dem Nutzer nun ein Fan der Berichterstattung der Herrschaften zu sein) in einen persönlichen Diskurs treten zu wollen und ignoriert worden wäre?

Ein Seher weniger? Ein Leser weniger?

Wenn man sich bewusst einer Öffentlicheit mit direktem Rückkanal stellt, bringt das auch Verantwortung im Umgang mit den Kontaktaufnehmenden mit sich. - Würden Sie auf der Strasse begrüßt und angesprochen werden, würden Sie dann einfach weitergehen und den Grüßenden ignorieren? Wahrscheinlich nicht.

Nun, nur weil die Begegnung "virtuell" ist, ist ein soclhes Verhalten nicht weniger unhöflich und nicht weniger beleidigend. Die Frage, wie das individuell empfunden wird, kann sich jeder selbst beantworten.

Diese Öffentlichkeit mit Rückkanal haben die Herrschaften selbst,  freiwillig und bewusst für ihre gestrige Diskussion gewählt.

Sie hätten auch (i)Chatten, Skypen, telefonieren, mailen oder sich auf die gute alte Art im Wirtshaus treffen können.

Und übrigens: Twitter bietet die Möglichkeit, selektiv und aktiv entscheiden zu können, wer mir folgen darf und wer nicht und somit meiner "Twitter Kommunkation" mit dritten beiwohnen, daran teilnehmen oder sie "belauschen" kann (Stichwort: Twitter, tweet, zwitschern...). Das erspart dann jede "ungewünschte" Störung, bringt aber auch weniger Follower und macht einen eben - internetmäßig - weniger "beliebt".

Ganz anders geht der Kollege des vermeintlichen "Nicht-Qualitätsmediums" Kronenzeitung, Claus Pandi, mit diesem Medium um.

Über die "journalistische Qualität" der Kronen Zeitung können die Damen und Herren Journalisten gerne intern und unter weitgehendem Ausschluss der "lesenden und immer noch kaufenden" Öffentlichkeit gerne alleine weiter diskutieren.

Über eines aber sicherlich nicht: über die Nähe zum eigenen Publikum und den Umgang mit diesem. Vor allem aber nicht mehr darüber, wie man richtig und korrekt "soziale Netzwerke" nutzt.

Da hat sich Herr Pandi schlicht weg eine 1+ und Standard und ORF ein glattes Nichtgenügend und eine schlechte Betragensnote erarbeitet.

Und wir sehen: "Der Standard" und der "ORF" und nicht die Personen. Warum? Weil es sich um die Repräsentanten dieser Unternehmen handelt.

Das Spiel im Mediengeschäft, und so auch im Social Media-Geschäft heisst: bekomme so viele Followers, Fans, Likers, Poster, kurz - Uniques - mit im Idealfall so großer aktiver Beiteiligung wie möglich und deine "Relevanz" steigt.

Dieser "Aufstieg" in der Internethierarchie ist aber nichts spezielles. Kein Spezifikum dieser Technologien und der darüber verbreiteten Medien und Kommunikationsformen (um frei nach Dr. Wrabetz den neu erfundenen Begriff und Feindbild der "Nicht-Medien" mit ein zu beziehen. (Was auch immer ein "Nicht-Medium" ist, vielleicht die mediale "Achse des Bösen")).
Es ist das - wahrscheinlich in Europa mehr und anders als in den USA - ausgeprägte und individuell interpretierte Verständnis von Demokratie, Meinungsfreiheit und hierarchischer Kommunikation.

Wir leben in einer Gesellschaft, in der es einen Unterschied macht, WER etwas sagt und nicht WAS, oder WIE es gesagt wird: "Quod licet iovi, non licet bovi!"

Herr Lobo kann in einem einstündigen Vortrag seine Zuhörer "Deppen, Idioten und Versager" nennen und erhält dafür Applaus von selbigen. Herr Wolf kann mit 140 Zeichen ohne weitere Begründung "Trolle" und vermeintliche "Denunzierungen" anprangern - und es ist die "Wahrheit" und gleichzeitig "objektiv"; und jeder andere Chefredakteur, Journalist oder Ressortleiter kann das ebenso. Aber auch Wirtschaftsbosse und Politiker; nur mit  dem Unterschied, dass diese sich aus Berufs- und Idoeologiegründen nicht der Objektivität verpflichtet haben - was allgemein bekannt ist und daher zu kritischerem Umgang mit deren Aussagen und Verhalten führt (oder führen sollte).

"Die Macht des Journlismus" war zu Beginn dieses Jahres der Titel einer Podiumsdiskussion des Medienclubs. "Die geliehene Macht der Journalisten" wäre treffender gewesen.

Geliehen deshalb - siehe oben - Herr Müller (als Pars pro toto) hätte es da nicht nur bei der Argumentation gleichen Vorbringens wohl undenklich schwerer, und wenn er überhaupt die Gelegenheit dazu hätte: wer würde ihm in unserer Gesellschaft zuhören? Ausser Herr Müller (diesmal nicht als Pars pro toto) wäre der Eigentümer einer gleichnamigen Molkereiprodukt-Marke.

Und das bringt mich genau zu dem Punkt, der für mich der wesentliche ist:
Viel wichtiger als die Bekämpfung und die Frage des Umganges mit diesem Verhalten (Trolling und provokanter Kommunikationsstörung) ist die Frage der Ursache des Verhaltens selbst.

Was veranlasst einen Menschen in unserer Gesellschaft, sich bewusst und - vielleicht auch - penetrant als "Kommunikationsstörer" zu betätigen?

Es ist jedenfalls ein Ausdruck der Unzufriedenheit, ein Ausdruck des subjektiv als Missachtung empfundenen Umgangs der Gesellschaft mit einem Individuum.

Das Netz gibt diesen Menschen lediglich zum ersten Mal die Möglichkeit, dieser eigenen Unzufriedenheit - und das ist das wesentliche für diese Menschen - ANONYM Ausdruck zu verleihen. Und - was in diesem Fall für diese Menschen viel wichtiger ist - gehört zu werden.

Warum ist nun die ANONYMITÄT so wichtig? Weil - und auch das wird sich jeder eingestehen - wir in einer Gesellschaft leben, in der man "entgegen der Predigten" mit Repressalien zu rechnen hat, wenn man "unbequem" ist. Und was "Unbequem ist, bestimmt nicht die Mehrheit, sondern bestimmen die "Gehörten". Keine Repressalien die im strafrechtlichen Sinne Leib und/oder Leben gefährden würden. Indirekt, wirtschaftlich für den einzelnen jedoch sehr wohl.

Wir wissen alle, egal ob selbständig, oder im angestellten Dienstverhältnis, dass Zivilcourage, eine eigene Meinung zu haben und diese zu äußern, oder auch nur geäußerte Kritik (egal wie sachlich und unemotional vorgebracht) heute als direkter Angriff auf ein "Macht- oder Managementsystem" interpretiert wird.

Die Folgen für den sich Äußernden: soziale Isolation, geringere berufliche Aufstiegschancen, schlechtere Auftragslage, als "Querulant" und "Miesepeter" abgestempelt zu werden und im schlimmsten Fall der Lächerlichkeit preisgegeben zu werden. Ausser eben - er ist ein "Lobo, Wolf, Mateschitz, Minister,..." (Pars pro toto)

Wir haben scheinbar weder eine Kultur im Umgang mit Scheitern, noch im Umgang mit offener Kritik in unserer Gesellschaft entwickeln können. Das ist leider Tatsache.

Daraus resultieren Emotionen wie Neid, Schadenfreude, Wut und letztlich Hass als Ausdruck dieses Unvermögens im Umgang mit diesen Begebenheiten. 

Die ethische Verrohung unserer Gesellschaft, die immer stärker werdende Egomanie bei gleichzeitig steigender Sehnsucht nach solidarischem Verhalten und Gerechtigkeit und letztlich die erhöhte Gewaltbereitschaft in der Zivilbevölkerung (wenn auch derzeit noch mehr verbal als - Gott sei Dank - physisch - Stichwort: verbale Abrüstung)  sind die Auswirkungen einer immer größer werdenenden Unzufriedenheit, Orientierungslosigkeit und dem Gefühl des einem allmächtigen System Ausgeliefertseins.

Vielleicht ist das auch eine der Begründungen für den europäischen "Rechtsruck", die Sehnsucht nach Lösungen und nach Menschen, die das aussprechen, was jeder selbst zu empfinden und zu erleben vermeint. Diese "Aussprecher der Volksseele" benötigt man dann nicht, wenn die "Volksseele" slebst aussprechen kann - eben ohne subjektive Folgen befürchten zu müssen.

Idee: Öffentliche Meinungsäußerung und Zivilcourage wieder en vogue machen, dann braucht es keine "Sprachrohre", "Führer" oder "Er ist für euch da"-Politiker.

Aktuelle Diskussionen rund um das Vertrauen in die österreichische Justiz seien hier als warnendes Beispiel dafür anzuführen, dass das Vertrauen in die Rechtsstaatlichkeit und somit in die GERECHTIGKEIT und Rechtschaffenheit in der Bevölkerung schwindet. Eine funkionierende Justiz ist u.A. das Rückgrad des sozialen Friedens.

Bewusste und vorsätzliche provokante Kommunikationsstörung ist also nichts anderes als ein "Hilfeschrei", den man ernst nehmen sollte. Wie man eben auch jede Kritik zur Selbstreflexion positiv annehmen kann. Setzt man sich weniger mit den Inhalten und den Auswirkungen des "Trollens" und mehr mit den möglichen Ursachen auseinander, wird man mehr bewirken können, als mit Verboten, Verhinderungen und Sicherheitsengagements.

Dieser Artikel ist in der "ICH Form" geschrieben. Ganz bewusst. Weil es sich hier um eine persönliche Wahrnehmung und Interpretation handelt.

Ich bin zu tiefst davon überzeugt, dass es hoch an der Zeit ist, sich gerade im Medien- und Kommunikatonsgeschäft wieder ernsthaft die Frage zu stellen, ob man der Verantwortung, die man Kraft der geliehenen Macht durch die Reichweite und die Symbolik der (Medien)Marke, für die man tätig ist und die man verwaltet und dem ihr entgegengebrachten Vertrauen, heute noch gerecht wird.

Dies gilt sowohl für Journalisten, wie auch für die in dieser Branche tätigen Kaufleute, für die wahrscheinlich noch mehr; sind sie es, die heute darüber entscheiden, wie viel Ethik, Moral und Anständigkeit und letztlich auch Qualität das von ihnen verwaltete (Medien)Unternehmen kosten darf.

Vielleicht steckt ein Troll in jedem von uns, vielleicht ist es oft nur das Unvermögen, sich adäquat zu artikulieren (also zu trollen). Vielleicht ist Trollen lediglich ein Symptom von systemimmanentem Verlernen von offener Kritik und deren sachlicher Formulierung, weil unerwünscht und individuell unvorteilhaft?

Um mit einem unbestätigten Zitat der Josefine Mutzenbacher zu schließen: "Moral muss man sich leisten können!"
sei dieser Artikel in diesem Sinne zu verstehen: "Moral" und den verantwortungsvollen Umgang mit unserer individuellen "Macht" können wir uns zu jedem Zeitpunkt leisten. Es ist nur eine Frage des Wollens und Handelns.

(Autor: Roland Ernst Nikitsch)

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