Von Bezahl-Schranken und dem Ende der Gratis-Medien

15.06.2012 08:16:00 (Kommentare: 0)

"Alle Wege führen nach Rom!" Die Frage ist nur, ob man da auch hin will?

Paid Content
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Es war absehbar. "Immer wieder grüßt das Murmeltier!" Nach der App-Hysterie musste die Paid-Content-Hysterie kommen, wie hätte es anders sein sollen.

WIe schon in vorangegangenen Artikeln beschrieben hat die Hoffnung in Apps das Geschäftsmodell der Printmedien nicht retten können. Nun graben wir wieder die Leiche "Paid-Content" aus, die wir schon anno 2001 tiefer als nötig begraben hatten. Sie stinkt schon ein bisschen, das macht aber nichts, denn früher, als sie noch jung und frisch und lebendig war wollte sie keiner doch heute werden sich zumindest die Fliegen auf sie stürzen.

Es ist paradox, dass man in Europa immer dann US-amerikanische Modelle als Erfolgsstories verkauft, wenn sie einem gerade in den Hut passen.

Nur zu oft vergessen wir dabei vier wesentliche Faktoren:

1) Die USA sind uns in der Nutzung elektronischer Medien mehr als 10 Jahe voraus.

2) Die USA hat rund 312 Millionen Einwohner, die alle die selbe Sprache sprechen und mehr oder weniger in einem Kulturraum leben und somit kann man mit einer lokalen Tageszeitung auch online rechnerisch theoretisch ganz gut überleben, bedeutet "regional" in diesem Land ja immerhin 50 Bundesstaaten in dem der kleinste (wie z.B. Rhode Island) schon über 1 Million Einwohner hat. Und jeder der Medien zu machen weiss, weiss auch, dass es gleich viele Mitarbeiter braucht um ein gutes Medium zu produzieren, egal ob ich das für 10 oder für 100 Millionen potentielle Nutzer / Leser / Seher / Hörer mache.

Nicht zu vergessen wäre da noch der Umstand, dass Englisch die aktuelle Weltsprache ist, Großbritannien der amerikanischen Kultur nicht ganz unähnlich ist (anglosachsische Gepflogenheiten) und alleine dadurch - sofern die angebotenen Inhalte nur halbwegs relevant sind, sich eine potentielle Nutzerschaft über die Grenzen der USA erweitern lassen. Dank Internet ohnehin ganz ohne nennenswerte Zusatzkosten.

3) Ein halbwegs brauchbares Projekt wird in dieser Sphäre nicht unter US$ 10 Millionen "Seed-finanziert" (erste "kleine" Kapitalausstattung). Vergleich Österreich, oder Deutschland: EUR 500.000,- (und das zählt hierzulande schon als mutig! Und da muss ein Projekt schon "internationalen Approach" haben !?!)

4) In den USA geht man mit dem "Scheitern" anders um als bei uns. Da wird auch schon mal etwas wieder zugesperrt, wenn's nicht funktioniert und man geniert sich dafür auch nicht. Warum auch? Würden wir alle von Anfang an wissen, was ein "Renner" wird und was nicht, stünde Europas Wirtschaft vielleicht ein bisschen anders da. Also: wir fühlen uns schlauer als wir tatsächlich sind und warten lieber, was die anderen tun und - das ist das seltsame daran - machen es dann NICHT.

Auch für das NICHT-Machen haben wir sensationelle Begründungen, wie z.B.: "Warum sollen wir uns auch in dieses Geschäftsfeld geben, wenn das schon jemand anderer macht?" - zuvor war unser Argument: "Wenn das ein Geschäft wäre, warum macht es dann nicht schon jemand?"

Das sind schlicht weg nicht die besten Vorausetzungen für Innovation und Geschäftsmodellentwicklungen und solange man hierzulande mit anderen Rahmenbedingungen zu arbeiten hat (Marktumfeld, Kultur, Politik, Kapitalbeschaffung etc.) ist es nicht besonders ratsam sich an US-amerikanischen Vorbildern zu orientieren. Zumindest nicht 1:1.

Aber zurück nach Europa, zurück in den deutschsprachigen Raum, zurück in unser schönes Österreich.

Unsere Medien, zumindest die, die aus dem Verlagswesen stammen, kämpfen mit ganz anderen Ursachen der aktuellen "Krise".

1) Die Brutto-Werbespendings (zumindest in Österreich) wurden in den letzten Jahrzehnten völlig überproportional in den Tageszeitungssektor investiert. Beispiel: gut 3 Mal so viel Werbegeld floss 2010 in österreichische Tageszeitungen wie in TV (Link zu unserem Video: "Hardwarestudie"). Und das obwohl wir in unserer Branche behaupten TV wäre das "Leitmedium"!

2) Die Inhalte der aktuellen Tageszeitungen "glänzen" nicht gerade mit "Exklusivgeschichten" oder Berichten, die in irgend einer Form einzigartig und dadurch begehrlich wären (Stichwort: Copy & Paste Journalismus APA/REUTERS als oftmalige Signatur eines Artikels). Das bedeutet: worin besteht das Alleinstellungsmerkmal? Im Inhalt? Heute eher weniger.

3) Gute Inhalte zu produzieren ist teuer. Am teuersten im Nachrichten- und Sport-Genre. Leider sind diese Inhalte auch nur von kurzer "Lebensdauer", denn wen interessiert schon heute noch die Nachricht von gestern? Dadurch sind diese Inhalte nur einer sehr kurzen Verwertungskette zuführbar. Sie müssen also noch am selben Tag refinanziert werden.

Keine leichte Aufgabe, wie man sieht.

4) Durch die Vergleichbarkeit und vor allem durch gratis Alternativen - und da spreche ich nicht einmal noch vom Internet, sondern von Gratis-Zeitungen - haben wir dem Kunsumenten bereits gelernt, dass ein Kaufpreis für eine Tageszeitung eigentlich nicht notwendiger weise zu entrichten ist.

5) Diskussionen über "Qualitätsjournalismus" bringen uns nicht weiter. Warum? Weil die Frage nach Qualität durch den Nutzer beantwortet wird. Er/Sie alleine bestimmt welche Qualität für Ihn/Sie ausreichend ist. Es hilft uns nichts, wenn wir anderer Meinung sind, auch Medien sind Produkte, die letztlich vom Konsumenten angenommen werden müssen.

"Meinungsvielfalt" als demokratiepolitisches Feigenblatt und Existenzberechtigung für ein Geschäftsmodell zu strapazieren, das grundlegende andere Probleme hat und diese nicht bereit ist zu lösen, halte ich persönlich heute schon für Heuchelei. Vor allem vor dem Hintergrund, dass die vermeintlichen vielfältigen Meinungen in den verschiedenen Blättern gleichermaßen erfolgreich, oder erfolglos vom Meinungsträger (dem Leser) angenommen werden.

Guten Journalismus wird es immer geben und er wird auch immer finanzierbar sein - nur eben nicht mit den gleichen Systemen und Geschäftsmodellen der letzten 100 Jahre.

6) Wir stehen vor einem Generationswechsel bei unseren Lesern/Nutzern mit dem auch ein massiv verändertes Medienkonsumverhalten einher geht. Entweder stellen wir uns darauf ein, oder wir werden unere Produkte in Zukunft selbst lesen und kaufen können.

Diesem Medienkonsumverhalten gerecht zu werden ist weniger schwierig, als die meisten heute glauben. Es ist auch weniger "teuer" als die meisten glauben und es ist rascher erfolgreich, als die meisten glauben.

Die größte Hürde, die man nehmen muss ist, sich von eigenen Gewohnheiten zu verabschieden und im wesentlichen lediglich nur damit leben zu wollen, dass unsere Kunden (Leser/Nutzer) schlicht weg wieder das haben wollen, was wir ihnen ja auch bis vor 10 Jahren geboten hatten, nur eben in der Aufbereitung, wie sich das unsere Kunden heute erwarten.

Die Idee, staatlich geförderte Zeitungsabos an Studenten zu verteilen (um wahrscheinlich die Auflagenzahl für die Werbewirtschaft pseudo-stabil halten zu wollen, oder die "Verkaufszahlen" und somit die Erlöse aus dem Verkauf der Exemplare für das eigenen Unternehmen zu sichern) erscheint demjenigen, der sie geboren und ausgesprochen hat, heute hoffentlich ebenso absurd wie jedem vernunftbegabten Menschen der sie hört.

Tatsache ist, dass man sich medienintern sehr wohl darüber bewusst ist, dass das EInführen von Bezahlschranken nicht von Erfolg gekrönt sein wird. Warum? Ganz einfach - es führt schlicht weg niemand diese Schranken ein obwohl sie niemand daran hindert.

Ein schlauer Satz zur EInführung der Paywall bei der FAZ gelassen ausgesprochen von Geschäftsführer Tobias Trevisan im gestrigen etat.at Artikel und dennoch wahrscheinlich nicht gemerkt, was man selbst damit gesagt hat ist: "Derzeit gehe es noch darum, die Reichweiten hochzutreiben, kritisiert er."

Übersetzung: Die Reichweite der FAZ Online ist schon "gratis" zu gering, als dass man daran glauben würde mit etwaig verbleibenden, zahlungsbereiten Kunden auch nur annähernd überleben zu können.

"Die Reichweite hochtreiben" tut man am besten mit guten Inhalten und gutem alten Medienmarketing! Und ist sie erst mal "hochgetrieben" bauche ich - mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit - auch keine Bezahlschranken mehr.

Wie man nicht nur "Überleben" sondern auch noch expandieren kann, und was man dazu braucht, lesen Sie in meinem nächsten Beitrag.

 

Autor (Roland E. Nikitsch)

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