Wenn ein Coach für soziale Kompetenz den Medien sagt, wohin die Reise geht.

23.02.2011 19:31:00 (Kommentare: 0)

Erstaunlich und vielleicht auch etwas desillusionierend, dennoch Fakt.

© Eric Adler
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Vortrag des Hirnforschers Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer „TV macht dumm, dick und gewalttätig“

Es war der Abend des 17. Jänners dieses Jahres, an dem wir eine der Veranstaltungen des MedienClubs besuchten. Titel der Veranstaltung war „Von der Macht der Journalisten - über die Nachhaltigkeit negativer Schlagzeilen“.

 
Ein hochkarätiges Diskutanten-Pool auf dem Podium sollte für einen spannenden und informativen Abend sorgen, der es letztlich auch war. Viel interessanter als die Diskussion selbst jedoch war ein Impulsreferat von Eric Adler (Sozialkompetenzexperte, Begründer der „adler social coaching methode“, Autor mehrerer Lehrgänge und Bücher zum Thema „Sozialkompetenz“). Abgesehen vom Impulsreferat selbst und dem sympathischen und kompetenten Auftreten des Referenten bekamen seine Worte - ohne dass dies geplant war - im Laufe der anschließenden Diskussion immer mehr Gewicht und Bedeutung.
 
Abgesehen vom inhaltlich enorm spannenden Vortrag des Herrn Adler über den Verlust von sozialer Kompetenz in unserer Gesellschaft, die Auswirkungen davon auf den Arbeitsmarkt und die Ursache für den Verlust dieser Kompetenz, sprangen dem aufmerksamen Zuhörer zwei Zahlen ins Auge (ins Ohr):
 
Herr Adler wusste uns zu berichten, dass unsere Generation durch die eigene Adoleszenz von durchschnittlich 37 Kontakten begleitet wurde. 37 Personen aus unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten, die uns als „Reibebaum“ dienten, um in der Konfrontation mit Problemstellungen unsere Lösungsansätze und deren Auswirkungen auf unser Umfeld zu erlernen. Durch Beobachtung und Erfahrung lernen zu können, welche unserer Handlungen wiederum welche Reaktionen und Auswirkungen und Tragweiten in diesen „gesellschaftlichen“ Umfeldern mit sich brachte. Wir lernten aus Feedback und aus Ergebnis. Unser Wissen, besser unsere Intuition im täglichen Umgang mit unseren Mitmenschen, unser Rechts- und Unrechtsempfinden, unsere Begeisterungsfähigkeit und unsere Fähigkeit zum Mitgefühl haben wir also in diesen jungen Jahren durch diese „Reibungsflächen“ erfahren und ausgebildet.
 
Richtig und Falsch, Recht und Unrecht, Verzeihen, Sühne, Strafe, Lob, Erfolg und Anerkennung und vieles mehr haben wir in diesem Alter in diesen Umfeldern trainiert und empirisch erfahren und erlernt.
 
37 - nicht viel. Eigentlich. Naja, aber wenn man sich so selbst zurück erinnert. Stimmt, viel mehr waren es nicht. Aber dennoch, so unterschiedlich, ob bei der freiwilligen Feuerwehr am Land, in der Jungschar, bei den Pfadfindern, in der Studentenverbindung, im Fussballclub, oder auch nur im eigenen Freundes- und Schulklassenkreis. Diese neue Information war an sich schon hochinformativ, getoppt hatte das Herr Adler mit der Frage an das Auditorium, mit wie vielen physischen Kontakten man meine, die heute 12- bis 16-jährigen heranwachsen.
 
Kurz nachgedacht und die ersten Zahlen wurden genannt. Facebook & Co spuken da in all unseren Köpfen herum und wenn die Kids heute jenseits der 300 Friends auf Facebook haben, mit Handys adjustiert und internet-surfend und chattend durch ihre Jugend flitzen, dann liegt die Vermutung nahe, dass diese technischen Hilfsmittel wohl dazu führen, physische Kontakte weitaus effizienter koordinieren zu können. Ergo: die Jugendlichen von heute werden diese Kontaktzahl wohl locker verdoppelt haben können. Würde man meinen.
 
Und in diese Richtung gingen auch die Schätzungen aus dem Publikum. Zugegeben, ein paar Pessimisten waren darunter, die Zahlen zwischen 50 und 60 nannten.
 
Der Schock folgte nach einer von Herrn Adler kurz eingelegten dramaturgisch perfekt eingesetzten Pause. Ruhe im Raum. Die Stimmung wirkte ähnlich der aus Rundfunk und Fernsehen bekannten Atmosphäre der „Millionenshow“ und statt Günther Jauch sprach Herr Adler trocken und ohne jede Emotion die Zahl „S I E B E N“ aus.
 
Wie still es nun im Raum war, kann sich jeder vorstellen. Ein Schock.
Herr Adler führte in weiterer Folge aus, warum und wieso diese Entwicklung stattfindet, welche Auswirkungen sie auf die Persönlichkeitsentwicklung und in weiterer Folge auch auf die Verhaltensmuster dieser jungen Menschen im Erwachsenenalter, im Berufsleben und Berufsumfeld hat. Wir können nur wirklich jedem empfehlen, diesen Mann zu engagieren, sofern man Interesse am Thema „Sozialer Kompetenz“ hat oder sich beruflich über soziodemographische Entwicklungen Gedanken macht.
 
Aber was bedeutet das nun in unserem Zusammenhang, im Zusammenhang mit Kommunikations-, Medien- und Werbewirtschaft?
 
Erschreckendes. Hatte man dieses Impulsreferat im Kopf, während man den Diskutanten am Podium lauschte, konnte man die gegenwärtige Auseinandersetzung der Herrschaften, die schon sehr rasch die eigentliche Fragestellung nach „der Macht der Journalisten“ verlassen hatte und sich hin zu einer Diskussion um die Frage nach Qualitätsjournalismus entwickelt hatte, als eine sich bereits selbst beantwortende erkennen.
 
Was sagte Herr Adler da vorher? 12- bis 16- jährige? Wir wissen heute, welche Kommunikations- und Medienformen diese Altersgruppe nutzt, wie und wofür sie diese nutzt und das führt unweigerlich zu einer Addition:
16+4=20
12+4=16
 
Die magische „4“ steht für den üblichen Planungshorizont in Unternehmen, für die übliche Vertragslaufzeit des Top-Managements und die jeweilige Zahl davor für das Alter, in dem sich der Jugendliche gerade befinden möge.
 
Wenn wir also bereits heute mit keinem klassischen Medium (und hier sei an RennbahnExpress und Bravo erinnert) diese Jugendlichen erreichen, TV maximal noch nebenher (MTV, VIVA und Nickelodeon) als audiovisueller  Musikberieselungskanal läuft, während die tatsächliche Aufmerksamkeit der Kids gerade am Chat, oder am warten des eigenen Social Media Profils liegt, dann kann man sich mit einer fingerlosen Hand ausrechnen, wie viele von diesen Menschen wir in 4 Jahren noch mit den Medien, über die wir gerade diskutieren, erreichen werden.
 
Anmerkung für Politiker: nachdem wir nun mit 16 Jahren wählen dürfen, sollte man sich ernsthaft mit diesen Themen auseinandersetzen, sofern man in Zukunft gewählt werden möchte und einen Ansatz für Nachhaltigkeit (und wenn es nur die Nachhaltigkeit der eigenen Macht ist) in die eigenen Überlegungen mit einfließen lassen.
 
Die Verhaltensweisen und das Konsumverhalten dieser Altersgruppen - die schon lange keine Zielgruppen mehr sind - sind so interessant, dass wir diesen eine eigene Beitragsreihe widmen wollen und hier nicht weiter auf diese Themen eingehen wollen.
 
Vor 20 Jahren gab es einmal einen Witz: „Woran erkennt man, ob Kinder in einem Haushalt sind? - Daran, dass die Uhrzeit-Anzeige am Videorecorder nicht mehr blinkt!“
 
Wer Kinder hat - oder intensiven Kontakt mit Kindern und Jugendlichen pflegt - weiß, wie dieser Witz heute lauten müsste. „Woran erkennt man, dass Kinder in einem Haushalt sind? - Daran, dass am Flatscreen zur Primetime Internet TV (Videos) laufen und man die neue Staffel von Desperate Housewives bereits 68 Monate vor der Erstausstrahlung im deutschsprachigen TV gesehen hat!“
 
Wer heute als Medienmacher - oder als Werber - noch denkt, dass er innerhalb der kommenden 4 Jahre auch nur ansatzweise mit den gleichen Mitteln erfolgreich sein kann wie bisher, der sollte sich schon mal um ein zeitaufwändiges Hobby umsehen!
 
Angesichts des aktuellen iPad Hypes muss man sich die Frage stellen, warum die Tatsache ignoriert wird, dass auf unseren Fernsehern seit zwei Jahren bereits völlig andere Inhalte laufen, als uns die TV-Sender zur Verfügung stellen.
 
Ein Tipp:
Seit über drei Jahren sind so gut wie alle Spielekonsolen internettauglich und sie werden als YouTube Maschine im Wohnzimmer benutzt. Sie wissen noch nicht, wie das geht? Fragen Sie Ihr Kind oder Ihren Neffen!
 
Seit über drei Jahren stehen BlueRay-Recorder in den Wohnzimmern. Die haben einen Internetanschluss und einen Webbrowser integriert. Sie wollen wissen, wie das geht? Fragen Sie Ihren Nachbarn!
 
Seit 2009 stehen internettaugliche TV-Geräte in den Wohnzimmern. In Ihrem nicht? Dann bestellen Sie sich eine Box (Apple TV, Boxee Box, Google TV) oder stecken Sie Ihr iPhone, iPad oder Ihren Laptop mit einem HDMI-Kabel (EUR 18,- bis 35,-) an Ihren TV-Schirm an!
 
Mehr dazu in den folgenden Beiträgen.
 
Fazit: Wer heute immer noch nicht verstanden hat, dass real bereits heute Internet (- über welches Device auch immer genutzt) das Leitmedium ist, es uns unabhängig von alten Gatekeepern wie Medien macht, um unsere Informationen und Botschaften und Werbungen zu verbreiten, weil die auch noch zu uns kommen (Stichwort: Social Media) und wir sie nicht einmal mehr teuer über andere verbreiten müssen; wer heute immer noch nicht verstanden hat, dass ein „Huckepack Prinzip“ im Werbegeschäft in den kommenden 5 Jahren nicht mehr funktionieren wird (Stichwort: buchen von Plätzen in reichweitenstarken Medien zum Transport des eigenen Werbemittels), dem empfehlen wir weiterhin, Tag für Tag Geld zu verbrennen, anstatt die Klassik heute dafür zu nutzen, sich in der eigenen Kommunikationsstrategie unabhängig zu machen und vorzubereiten und in den kommenden Jahren nicht unbezahlbaren Nachholbedarf erkennen zu müssen.
 
Sie sind der Meinung das sei übertrieben? Wir erinnern Sie in vier Jahren daran!


(Autor: Roland Ernst Nikitsch

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